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2 (1894) Charakteristiken
Entstehung
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206
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kann, und nichts anderes, ich kann cs zum Himmel schwören, istmeiner Seele so zuwider/'

Eben diese der Rahel so widerwärtige sittliche Prä-tention erklärt aber auch die innere Willigkeit des Ketzer-gerichts, dein Heine sowohl als geborener, wie als ge-taufter Jude verfällt,Er wurde dem Glauben seinesVolkes abtrünnig", heißt es vorwurfsvoll. Gerade das,worin Treitschke und Heine sich ähneln uud das, worinsie sich von einander unterscheiden, flößt den ersteren ab.Heine ist noch ein viel größerer Virtuos als Treitschke inder Kunst, die, welche er nicht mag, als schlecht undlächerlich hinzustellen. Aber er spottet und schmäht lachend,er trauert nicht pathetisch, er geht nicht aus turmhohenStelzen einher als ein Gesalbter des Herrn, der von derErhabenheit seines sittlichen Thrones herab zn Gerichtesitzt über die Lebenden und die Toten. Er ist menschlich,oftmenschlich ordinär", wie er es einmal ausdrückt.Män kann nicht von ihm sagen ricleiräo c-g-st-iZat Mores,denn es kommt ihm auf die mores weiter nicht an, aberes wandelt ihn auch nicht entfernt an, sich für einen Sitten-richter auszugeben und jemanden darüber in Zweifel zulassen; er macht sich nicht besser als er die andern macht;und darum ist er, der Cyniker, eigentlich besser als derTligendbold, welcher sich mit feierlichem Ernst in seinemSpiegel bewundert. Ueber des Dichters Ruhm zu streiteilist einfach überflüssig. Er hat sich mit unauslöschlichenZügen in das Buch der deutschen Litteratur und derdeutschen Sprache eingeschrieben, und es war keine Ueber-treibnng, wenn er von sich sagte:nennt man die bestenNamen, so wird auch der meine genannt." Noch heute,nach länger als einem halben Jahrhundert, werden seineLieder gesungen und gesprochen, seine Verse zitiert so weitdie deutsche Zunge klingt. Aus seinem eigenen Born hat