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2 (1894) Charakteristiken
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Spinoza hat seine Kirche, mehr noch als er seineSchule hat, eine Kirche, erleuchtet von einem derben Lichte,wie alle Bauten des 17. Jahrhunderts kalt, weil sie zuviel Fenster hat, traurig, weil sie hell ist."

Man wundert sich manchmal, daß Galilei sich einwenig schwach gezeigt hat, daß er eiugewilligt, zu wider-rufen, was er doch für richtig hielt. Das that er, nMer einsah, daß sein Tod nichts zum Nachweis dieser Wahr-heiten beitragen würde; man macht sich nur zum Märtyrerfür die Dinge, deren man nicht ganz sicher ist."

Gewiß, es war auch viel vou einem Kasuisten in ihm,aber der Kasuist schwärmt für Freiheit des Denkens undfür die Freude des Daseins.

Niemand stand in geraderem Gegensatz zu allen pessi-mistischen Ideen der Neuzeit als Renan. Sein Bekenntniswar, daß trotz allem das Leben ein süßes Gut sei, und daßman es sich und den Nebenmenschen zu versüßen suchenmüsse. Darin war er ein echtes Kind der äouos Graues,in der man sich einander gelegentlich mit Wildheit zersleischtund die Köpfe abschlägt, in der Hauptsache aber doch dasLeben schön und angenehm zu machen sucht.

DiesemSinn zur Schönheituud zum Genuß entsprach vorallem auch die Schreibweise Renans, deren Vorzüge uudReize, zur Genüge bekannt, selbst dem Ausländer zugänglichsind. Man behauptete, Renan lese vor jeder Publikationvierzehn Korrekturen nacheinander. Auf alle Fälle ist dasden t-rovato. Im Umgang war er liebenswürdig, mit-teilsam, genußfähig wie nur einer. An der Geselligkeit,in der man ihm natürlich huldigte, hatte er seine Freude.Gegen das Ende seines Lebens nahm er etwas von demgesättigten Wohlwollen an, das man auch Goethe uachsagt.Er ließ jeden gelten und hatte für jede Aeußerung eine