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2 (1894) Charakteristiken
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trotz aller nationalen Gegensätze, an allgemein verständlichenErzeugnissen höherer Art in französischer Sprache nach wievor Geschmack findet, kennt den hier näher zu betrachtendenAutor bis jetzt, so weit meine Beobachtung geht, äußerstwenig; und dieser Anomalie einigermaßen abzuhelfen, wurdemir ein besonderes Vergnügen gewähren, schon aus Dank-barkeit für den Genuß, den mir Chuquets Werke bereitethaben, aus dem ich auf den Dank derer schließen zu könueuhoffe, welche meiner Empfehlung die Ehre erweisen möchten,ihr zu folgeu. Auch darum erscheint es mir angezeigt, zurVerbreitung ernster französischer Bücher beizutragen, weileine neueste Roman- und Novellenlitteratnr derselben Her-kunft sich in Bausch und Bogen bei unseren? Durchschuitts-publikum einer Beliebtheit erfreut, die zwar nicht unerklärlichist, dazu ist sie zu alt und verbreitet aber ihm nichtgerade zu besonderem Ruhm gereicht. Jeder Band, deneine neue pikante oder auch absurde Manier in Paris aufden Markt wirft, wandert sofort in Hunderten von Exem-plaren nach Berlin , prangt da in allen Schaufenstern undist nach wenigen Wochen ein Gesprächsstoff, den zu ignorierenjede Weltdame sich schämen würde. Ich bin natürlich wederder nationale noch der sittliche Rigorist, der sich darüberentrüstet; aber es wäre schöner, wenn es anders wäre.Gewisse Mängel, die unserer eigenen schöngeistigen Pro-duktionsart erbeigentümlich anhängen, gewisse Vorzüge,welche den Franzosen im Gegensatz dazu angeboren scheinen,machen eben ihre unmittelbare Wirkung auf die dem leichtenLesegenuß zugethane Welt in unwiderstehlicher Weise geltend.Verhält es sich doch genau ebenso oder noch mehr so mitdem Theater, obgleich es sich an ein sehr großes uud ge-mischtes Publikum wendet. Vor etlichen Jahren führtemich der Zufall in eine kleine süddeutsche Stadt und derAbend ins Schauspielhaus. Mau gab ein altes aus dem