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lehren und lernen soll, die bekanntlich so oft und in Deutsch-land so klassisch behandelt worden ist, mag jeder möglichenBeantwortung offen stehen, aber niemals wird diese Ant-wort vernünftiger Weise lauten dürfen: man solle keineGeschichte, sondern Erdichtetes schreiben. Und wie überall,so auch hier steht, vom Nutzen zu schweigen, der Genuß,den eine wahrhaftige Behandlung bereitet, unendlich hochüber dem falschen Kitzel, den eine deni eitlen Selbstgefühldes Lesers schmarotzende Schönmalerei erzeugt. Man lesedas Werk Chuquet's als Probe daraus. Vor Allem diesGefühl der Sicherheit! Man empfindet sofort, daß man sichin einem Hause bewegt, iu dem man, so zu sagen, alleThüren, Schubfächer und Schlösser seiner Wahrnehmungvertrauensvoll offen stehen lassen kann. Es wird nichtsheraus- uud uichts hineinpraktiziert, nichts verkleinert undnichts vergrößert. Bei jeder Schilderung hat man die an-genehme Gewißheit, wie beim Eintritt in ein wohlzivilisirtesGeschäft: feste Preise: es wird nichts darauf geschlagen,um den Unkundigen zu übervorteilen, und man brauchtnicht bei jedem Schluß, der sich uahe legt, still zu stehenmit der Frage: was habe ich davon abzuziehen, um aufdas Richtige zu kommen? In dieseni Sicherheitsgefühl liegtmehr als ein substantieller Gewinn, es liegt der größteReiz darin, der dem Freund der Geschichte geboten werdenkann; ein Reiz, der nicht erst aus der Reflexion entspringt,sondern sich unmittelbar in die Form ästhetischer Wahr-nehmung umsetzt. Daß, wie der berühmte Naturforschersagte, der Stil der Mensch sei, mag vielleicht nur mit einergewissen Einschränkung gelten. Aber daß der Geist, indem eine Aufgabe gelöst wird, sich im Stil spiegelt, istaußer Frage. Und wenn Reinheit des Geistes irgendwodie erste Bedingung ästhetischer Leistung ist, so ohne Zweifelauf dem historischen Gebiete. Es giebt nichts Wohl-Ludwig Bambergens Ges. Schriften. H. M