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2 (1894) Charakteristiken
Entstehung
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der Stufenleiter der Wesen sind, begnügen wir uns damit,ihnen unsere Schuld abzutragen, wenn sie gestorben sindund wir Sicherheit dafür haben, daß sie sich unsererDankbarkeit nicht mehr freuen können. Man könnte daslateinische Wort, daß von den Toten nur Gutes zu sagensei, ins Deutsche übertragen'Gutes nur von den Toten".Am zweiten oder dritten Tag nach ihrem Scheiden, näm-lich unmittelbar ehe man sie deni Schooß der Mutter Erdeüberliefert, brechen wir das Schweigen, und am fünftenoder sechsten Tag darauf setzen wir es wieder fort mit un-geschwächten Kräften. Ja es ist mir sogar, als ich voreinem Vierteljahrhundert wieder in die Heimat zurückkehrte,aufgefalleu, daß hier die Erfüllung selbst dieser rein mensch-lichen Herzenspslicht viel mehr als anderivärts dem Geist-lichen überlassen wird, der, wie es sein Berus mit sich bringt,weniger in die irdische Vergangenheit zurückblickt, als hinausin die himmlische Zukuuft. Vielleicht fühlen wir das Gutedarum nicht minder, weil wir es verschweigen. Gab dochselbst der Dichter, dem man jetzt in seiner Heimat die Ehredes Angedenkens verweigert, dem schweigsamen deutschenWeibe den Vorzug! Nur.so viel scheint mir sicher: solltenwir's auch nicht weniger fühlen, so fühlen wir's jedenfallsweniger lebhaft. Und weniger lebhaft berührt sich immer-hin bedenklich nahe mit weniger überhaupt.

Die Sitte, den Abschnitt der siebenzig Jahre zu feiern,ist wohl darum bei uns seit geraumer Zeit so stark in Auf-nahme gekommen, weil in ihr eine kleine Korrektur fürsonstige Unterlassungen gegeben ist. Daß man so langewarten muß, um diese moralische Alters- uud Invaliden-Versorgung zu verdienen, ist freilich eine erschwerende Be-dingung. Aber schon hat die moderne Entwicklung auchhier manchmal die bessernde Hand angelegt. Das sechzig-jährige Jubiläum hat bereits seiuen Platz in der Reihe der