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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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Bedenkenerregender dagegen ist ein anderer Missstand, der inder Behandlung der ökonomischen Dinge in Deutschland zur Zeitvorherrscht. Unter dem Einflüsse der oben erwähnten Coterie istes dahin gekommen, dass bei uns die einseitige Vertretung der In-teressen einer wirthschaftlichen Partei in der öffentlichen Meinungals Wissenschaft gilt. Tritt dann Jemand in wirklich wissenschaft-lichem Geiste vorurtheilsfrei und voraussetzungslos an die Unter-suchung ökonomischer Fragen heran und kommt er zu Resultaten,wonach im Interesse des Ganzen der einseitigen Interessenverfolgungjener Partei gewisse Schranken gezogen werden müssen, so sieht ersich den schlimmsten Anschuldigungen ausgesetzt. So ist es, wieaus den früheren Artikeln hervorgeht, auch mir ergangen, weil ichgezeigt habe, wie in England die absolute Schrankenlosigkeit imwirthschaftlichen Leben zwar zur grösstmöglichsten Entfaltung derKräfte der ökonomisch Ausgezeichneten, allein zu einer Verschlech-terung der Lage der mit ökonomischen Durchschnittseigenschaftenbegabten Masse geführt hat, bis diese sich zur Wahrung ihrer In-teressen in Gewerkvereinen zusammenschloss, die nach langen Kämpfeneinen Zustand der Arbeiterklasse geschaffen haben, bei dem, wasimmer die politische Configuration der englischen Gesellschaft seinmag, die Grundlagen, auf denen diese Gesellschaft beruht, unan-getastet bleiben werden. Dass diese Darstellung kein Roman ist, alswelche meine Gegner sie gelten lassen möchten, beweisen ausser denvon mir dafür beigebrachten Belegen aufs Neue die Briefe Kettlesund Harrisons, die ich im Anhänge abdrucke. Ja Herr Bambergerselbst bezeugt die Richtigkeit meiner Angabe, wenn er (S. 48) her-vorhebt, dass England trotz seiner seit einem halben Jahrhunderthochgehenden Gewerkvereinsbewegung heute am wenigsten erschrecktund erschüttert sich zeigt. Wenn ich aber trotz aller Belege undZugeständnisse voh den Angehörigen jener Coterie in der bezeich-neten Weise angegriffen werde, so kann ich in Wahrheit behaupten,,dass diese Angriffe mich nicht überraschen. Als ich meine Arbeitenveröffentlichte, habe ich die Angriffe, wie sie erfolgt sind, erwartet.Diese Angriffe haben mich nicht im Geringsten überrascht. Ja nebendem Beifall, den meine Arbeiten bei wissenschaftlichen Männern ge-funden haben, hat mich nichts so befriedigt, als das Missfallen,was sie bei jener Partei erregten. Ich hätte es als ein Fiasco an-gesehen, wäre es anders gekommen; denn:

Keinem gefallen ist schlimm, doch schlimmer ist Allen gefallen.