Kapitels
Verwahrlosung der Bibliotheken.
27
Werke Ciceros, Quiutilians Institutionen, Boetins, Gregor von Tours und andere. Im Jahre 1372 war diese Zahl aber erst auf 91 gestiegen,sodaß auf ein ganzes Jahrhundert etwa ein Dutzend neuen Zuwachseskommt."
Auch die Geistlichen, selbst wenn sie reichen und vornehmen Familienentstammten, schafften sich gar keine oder nur wenig Bücher an und be-saßen höchstens einige juristische oder liturgische Werte, welche sie beiihrem Tode dann Wohl ihrem Stift oder Kloster vermachten. Es kommtselten vor, daß sie deren mehr als zwei oder drei hinterließen. DieLaien kauften erst recht keine Handschriften; sie hatte» gar kein Bedürfnisdafür. Der Besitz eines ritterlichen Liebesromans oder einer Legenden-sammlung bildete selbst unter den Rittern eine Ausnahme.
Je mehr das Klosterleben entartete und je weniger wissenschaftlicherGeist unter den Mönchen herrschte, desto mehr wurden auch die spär-lichen Anfänge der noch spärlichen: Bibliotheken vernachlässigt. DerÜbergang vollzog sieb, wie oben angedeutet, schon im 13. Jahrhundert,infolge der im 14. aber einreißenden allgemeinen Verwilderung undRoheit verstanden die Mönche kaum mehr die Handschriften zu lesen,warfen sie aus ihren Zellen, in denen sie bis dahin meist verstreutstanden, und ließen sie vermodern oder mißbrauchten sie zu niedrigenErwerbszwecken. Als Boccaccio bei einem Besuche der BenediktinerabteiMonte Cassino in der Bibliothek einige Codices prüfend öffnete, fander, daß hier die Ränder abgeschnitten oder sonst verstümmelt waren, dortganze Lagen fehlten. Auf seine Frage, warum man diese herrlichenSchätze so schmählich behandle, erwiderte ein Mönch: einige seinerBrüder hätten, um 2—5 Solidi zu verdienen, das ausgerisscne undabgeschnittene Pergament zu Psaltern und Brevieren verwendet, die dannan Frauen und Kinder verkauft würden. Geschah das in diesem Mutter-hause der Gelehrsamkeit, was war von andern Klöstern zu erwarten?Trotz der Ketten, welche die einzelnen Bände vor Entwendungen schützensollten, wurden viele Handschriften gestohlen oder vertrödelt. So ver-kaufte Nikolaus von Trier 1429 an den Kardinal Giordano Orsini inRom unter auderm einen Band mit 40 Komödien des Plautus, vondenen bis dahin nur 4 bekannt gewesen waren. Der Codex stammtedoch sicher in letzter Stelle aus einem unbewachten Kloster oder einerDombibliothek, vermutet mit Reckt G. Voigt in seiner „Wiederbelebung