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Geschrotene Manier. Die Formschneidcr.
Wertes
In technischer Beziehung hatte der Formschnitt sich schon erheblichvervollkommnet, als er berufen wurde, die gedruckten Bücher zu illu-strieren. Der Formschneider vermochte getreuer und in feinern Liniender Verzeichnung zu folgen, durch Schraffierung, wenn auch noch seltenin Kreuzlagen, die Figuren, Gewänder u. s. w. zn modellieren. DieSpezialität der geschrotencn Manier ging ebenfalls mit über in die Buch-illustration, verschwindet aber mit dem Ende des 15. Jahrhunderts. Diedeutschen Ausdrücke geschrotene Manier, Schrotblätter müssen zu-rückgeführt werden auf das Schroten, Durchschneiden der Schattenstrich-lagen, sodaß im Abdruck weiße, abtönende Querlinien erscheinen; diefranzösische Bezeichnung ruanisre oridles bezieht sich, wie die latei-nische oxu8 intsrrasils, und die englische äotteä x1atk8, auf dieweißen Punkte, Perlen, Blümchen oder dergleichen, mit welchen derGrund oder auch die Gewandung ornamentiert zu sein Pflegt.
Die Illustrationen der gedruckten Bücher erinnern in der ersten Zeitnoch insofern an ihre Abstammung von fliegenden Blättern und Block-büchern, als sie häufig nur die Rolle von Sinnbildern, Symbolen, all-gemeinen Inhaltsangaben spielen: dieselbe menschliche Figur dient zurBezeichnung verschiedener .Personen, dieselbe Stadtansicht soll einmaldiese, einmal jene Stadt vergegenwärtigen, auch Handlungen, welchehäufig in den Erzählungen vorkommen, wurden nicht jedesmal indivi-dualisiert: ein Verfahren, welches sich in der wohlfeilen Volksbücher-und Kalenderlitteratur bis auf unsere Tage erhalten hat. Und solcheÖkonomie ist bei den ältern Buchdruckern sehr verständlich, da sie zu-meist ihre eigenen Formschneider sein mußten, ein Verhältnis, welchesvon selbst aufhörte, als die mit dem Drucken verbundene Verlagsthätig-keit und der Vertrieb der Bücher immer größere Ausdehnung gewannen.
So ist im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts schon die Teilungder Arbeit durchgeführt: der Buchdrucker und Verleger bedient sich beiseinen Unternehmungen des erfindenden Künstlers und des Formschneiders,welcher mit seinem Schneidemesser den Blei- oder Federzügen des ersternzu folgen hatte. Schon die Grundverschiedenheit dieser beiden Beschäf-tigungen macht es einleuchtend, daß sie nicht in derselben Hand bleibenkonnten, als der Buchhandel beide in größerm Maße in Anspruch nahm,und die lange Zeit mit großem Eifer verfochten«: Ansicht, daß sogar diegroßen Künstler des 16. Jahrhunderts noch ihre Zeichnungen eigenhändig