355
seine Bestellung, am 9. November desselben Jahres schrieb er dem Autorschon, daß er das fertige Manuskript vertraulich einem Censor vorgelegthabe und dieser damit zufrieden sei.'' In der That wünschten mehrereGlieder der Wiener Censurkommission selbst, daß auf diesem Gebietewiederum eine strengere Übung Platz greifen möchte.
Und wie stand es mit der Preßfreiheit im übrigen? „Dicß edleGeschenke wird oft, bis es vom Throne zu uns kömmt, durch hundertHände zu einem Nichts, zum Ideal, oder zu einem zweydeutigen Ge-schenke umgeschasfen", sagen die „Fragmente zur Geschichte der Preß-freyheit im Oesterreichischen Brcisguu". Das Josephinische Censurgesetzkannte keine Strafen, und seine Absicht war somit, die harten Strafender Vergangenheit aufzuheben; Joseph wünschte die größte Milde undDuldsamkeit der Censur überhaupt; alle Halbverbote hatte er im Censur-gesetz abgeschafft. Die Hofkommission aber dachte viel peinlicher als derKaiser. Die Dekrete und Verordnungen: die Censur der Unduldsamkeitden Geistlichen zu entreißen, lassen deutlich erraten, daß es fern vomThrone ganz anders aussah, als man dort wünschte und wollte. Blickenwir in das buchhttndlcrische Leben selbst hinein, dann verändert sich dasBild noch viel bedeutender. Der persönliche Wille des Monarchen auf dereinen, die festgewurzelte Übung auf der andern Seite machte das öster-reichische Ccnsurwcscn widerspruchsvoll. Mößle in Wien konnte Bücherwie den „Horns", der fast in ganz Deutschland verboten war, nach-drucken^, und dann wieder glaubte die Wiener Censur schon zu viel zuwagen, wenn sie die „Allgemeine deutsche Bibliothek " unter die erlaubtenBücher zählte. ^ Sogar in Wien, ja gerade in Wien muß die Censur ineiner Weise gehandhabt worden sein, daß, von jener größern Duldungnamentlich gegen die Person des Herrschers gerichteter Kritiken abgesehen,von dem Bewußtsein einer wirklichen Änderung wenig übrig blieb. Die„Briefe über den gegenwärtigen Zustand des erbländischen Buchhandels"sind von einem Setzer geschrieben, der in den achtziger Jahren in derWcimarschen Offizin in Wien , die so nahe Beziehungen zu Wuchererhatte, arbeitete, und dem deshalb die Dinge der Censur besondersnahe lagen; sie reichen von 1783 bis 1788 und sind in dem letztemJahre erschienen. Das Censurgesetz sowohl wie seine Bestimmungen, bisauf die vorhin genannte, sowie die Thatsciche, daß man im Zustande der
erklärten Prcßfreiheit lebe, sind diesen Briefen fremd. Die Censur-
23*