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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
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außerordentlichen Fehlsamkeit der menschlichen Natur undden tausend Schlingen, welche ihr der Versucher auf Wegund Steg bereitet, ist dem Thu' nicht! die größere Arbeitvorbehalten. Nein sagen ist in der Regel schwerer undund führt seltener zur Reue.

Man würde daher vielleicht die Kunst zu schenken aucham ersten ergründen, wenn man den Ausgang nähme vonder Knnst nicht zu schenken. Je länger ich über dieSache nachdenke, desto mehr wird mir das einleuchtend.Wie manches Herzeleid wäre schon in der Welt vermiedenworden, wenn manches Geschenk ungeschenkt geblieben ^väre,und wie hätte die znr rechten Stunde und am rechten Ortgeübte Kunst, etwas nicht zu thun, sich da gelohnt! Eigent-lich ruht doch sogar das ganze Geheimnis aller Fehler un-serer heutigen Gesetzgeberei in dem Verkennen der Kunst:nicht zu schenken. Unsere ganze Steuer- und Wirtschafts-politik seit einem Jahrzehnt ist nichts als eine fortlaufendeund im Gehen wachsende Reihe von Verstößen gegen dieseKunst, und der Mann, welcher eiu kurzes ausdruckvollesvon't für Parlamentarier und solche, die es werden wollen,zu verfassen unternähme, könnte seine meisten Sätze be-ginnen mit den Worten:Schenke nicht!" Z. B. schenkenicht aus den Taschen der armen Leute die Pfennige, welchesie für Brot brauchen, den großen Herren, welche taufendevon Morgen Feldes, mit Palästen und Jagdgründen darauf,ihr Eigen nennen; oder schenke nicht einigen hundertwohlhabenden Branntweinbrennern eine Milliarde, welchewir für andere Dinge viel nötiger gebrauchen könnten. Amschwersten aber versündigt sich unsere heiß besungene Sozial-politik an den Grundregeln der Kunst, nicht zu schenken.Noch eher dürfte man aus den Taschen der armeu Leutedie Pfennige nehmen, um den großen Herren zehntausend-weise zu schenken, als um ihnen, diesen Armen selbst, die