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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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aus ihrer Tasche genommenen Pfennige als Geschenk zurück-zugeben. Jenes nimmt dem Armen und giebt dem Reichen,dieses nimmt dem Armen und vergiftet ihn mit dem, wases ihm genommen. Es liegt ein Sinn darin, daß unserGift im Englischen das Wort für Gabe ist, und im Deut-schen selbst wirdVergeben" für Vergiften gebraucht. AuchGift ist nützlich, aber mit größter Vorsicht zu gebrauchen.

Darum sollte man das Schenken am allerwenigsten indie Hand des Staates legen, d. h. desjenigen Wesens, dessenVerstand und Ehrlichkeit im selben Maße zurückgehen alsseine^Macht (nicht zu verwechseln mit Ausdehnung) wächst.Die Weisheit, welche heutzutage in allen Gassen gepredigtwird, die Weisheit vom sogenannten positiven Programm,ist die größte Thorheit der Zeit. Sie verlangt, das Thunimmer mehr aus der Verantwortlichen und sachverständigenFülle des millionenfältigen einzelnen Wissens und Gewissensin die eine unverantwortliche und beschränkte Einsicht desüber dem Ganzen schwebenden Staates zu verlegen. Aberder Ruf zum positiven Thun hat einen so verführerischenKlang, daß immer mehr die Zahl auch der Kaltblütigensich einschüchtern läßt. Einst kurierte die Arzneikunst despositiven Thuns in allen Fällen mit Blutentziehung, heutekurieren die Politiker des positiven Thuns mit endlos an-wachsenden neuen Gesetzen, die auf immer mehr Aderlässehinauslaufen: neue Steuern, neue Beamte und neueStrafen.

Deutschland freut sich iu diesen Tagen wieder seinerWeihnachtsbäume, und jeder sorgt nur, was und wie erschenke. Das Masfenschenken zum Feste, wie jedes zu be-stimmten Zeiten und nach vorgeschriebener Richtung, ist desSchenkens duftigste Blüte nicht. Was ihm abgeht, ist justdie Freiheit: des Lebeus höchste Gestaltung. Es läuft auchetwas Kindisches und etwas Barbarisches mrt unter in