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reich der Poesie des Lebens. Schon daß es an den Christ-abend anknüpft, giebt Zeugnis davon, und eigentlich ist esja das Christkind, welches die Gabe bringt aus dem fernenMorgenlande den lieben Kindlein. Alles wunderschön undeins zum andern stimmend. Kindern und Armen kannman immer schenken, beide sind unselbständig und abhängig,die Kinder unersättlich an kleinen Freuden, die Armen ver-waist daran. Die Feststimmung der Erwachsenen, die sichum den beladenen Tisch sammeln, hat ihre Wurzeln einzigund allein in den Erinnerungen der Kindheit. Wer erstin reiferen Jahren an diesen Brauch herantritt, kann dessenZauber nur unvollkommen nachfühlen. Einst waren es ge-wiß nur die Nüsse uud Äpfel, die später vergoldeten, diePfeffer- und die Mandelkuchen, welche an den Baum ge-hängt wurden. Aber wie hat sich das ausgewachsen undbis in die derbste Prosa hinaus! Was kann man nichtalles heute ausgebreitet sehen unter den Tannenzweigen,die den Geistergruß aus dem germanischen Walde undunter den Lichtlein, welche den Himmelsgruß vom Sterndes Morgenlandes bedeuten? Dinge habe ich liegen sehen,welche sogar die Feder zu bezeichnen sich sträubt, Dinge,die das Auge nur hinter den verschlossensten Thüren zusehen bekommt, freilich Dinge nicht überflüssiger, man kannnicht einmal sagen, unluxuriöser Art.
Und woher das alles? Nur weil aus dem sinnigenErfreuen ein alles umwühlender Völkersturm geworden ist.
Das Ideal eines Geschenkes ist ein über das alltäg-liche Bedürfnis hinausgehendes, das Leben verschönerndes,der Person des Empfangenden möglichst sorgfältig ange-paßtes Objekt. Das Nützlichste schafft sich ein bemittelterErwachsener am besten selbst an. Die landläufige Thor-heit, daß ein wildes Schenken unnötiger Dinge das Gutehabe, „Geld unter die Leute zu bringen", thut das Ihre,