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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Weltweisheit sein Kollegium vor den Studenten zu eröffnenpflegte: Meine Herren, Philosophie kann nicht gelehrt undnicht gelernt werden. Es wird niemals entschieden werden,ob das Leben gut oder schlecht sei, ob es mehr Leiden odermehr Freuden biete, wie gleich oder wie ungleich diese undjene verteilt seien. So viel aber steht fest: es giebt Freu-den, und da unser Leben viel mehr aus Kleinem als ausGroßem zusammengesetzt ist, so giebt es auch der kleinenFreuden viel mehr als der großen, und die kleinen zu ehrenist Lebensweisheit.

Zu den großen unter den kleinen Freuden gehört dasBriefschreiben. Ich verstehe darunter den schriftlichen Aus-tausch von Gesinnungen und Gedanken unter Menschen, diesich einander nahestehen, ohne jeden anderen Hauptzweck;ein alter Hegelianer würde sagen: das Briefschreiben inseiner schlechthinigen Anundfürsichlichkeit. Unter den neun-hundertneunzehn Millionen Briefen, welche die deutscheNeichspost im vorigen Jahre befördert hat, gehörte wohlnicht eine Million dieser Gattung an. Kaum, daß mandie Liebesbriefe dazu rechnen kann, es seien denn die einemsicheren und vergnüglichen Herzensbesitze dienenden.

Wer sie nicht kennt die schönen Stunden, in denennach des Tages voller Arbeit oder des Absuds leerer Ge-selligkeit die weihevolle Sabbathstille sich herabsenkt aufeinen schöuen Bogen Weißes Papier, welcher einlädt, sichselbst im Hindenken zu einem ganz nahe verständnisvollenZweiten Sinn und Gemüt zu öffneu, der kennt nicht einender lieblichsten Genüsse unseres beschränkten Daseins. Istdoch der Monolog eigentlich die edelste und erhabenste Formder Rede. Das Tiefste und Bedeutendste, was der Dichterim Drama zn sagen hat, verlegt er in das Gespräch, welchesder Held mit sich selbst führt. Freilich ist der Monologein Geschöpf der Abstraktion, nicht der Wirklichkeit ent-