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sprechend. Das Leben kennt keinen gesprochenen Monolog,höchstens einen kurzen, unwillkürlichen Ausbruch. Ganzkonsequent haben auch unsere Realisten, Naturalisten, Im-pressionisten schon verlangt, den Monolog von den Bretternals unwahr zu verbannen. Aber wer möchte „Sein oderNichtsein" hergeben für alle Schätze der freien Bühne?Wenn man's genau bedenkt, so redet der Mensch eigentlichweniger anderen als sich selbst zuliebe. Daß die Sonnescheint oder der Regen strömt, teilen wir dem Begegnendenmit, der es doch gerade so gut weiß wie wir, und in derErwiderung bekräftigt er uns, was gar keiner Bestätigungbedarf. Auf die Begrüßungsformeln, welche in fragendeWendung eingekleidet sind, wird gar keine Antwort er-wartet. Auf das schnell hingeworfene „Wie geht's Ihnen?"wird ein Mann von Welt gar keine oder nur die aller-flüchtigste Antwort geben. Eine gute Deutsche aus derProvinz, die, ohne Englisch zu können, nach London kam,legte sich den wahren Sinn des stereotypen Hv^ znnäo nach ihrer das Wünschen gewohnten Begrüßungsweiseganz konsequent aus, indem sie die Leute anredete: I visli^011 g, vsr^ Avocl liov^ clo ^ou <5o.
Die Frage zu entscheiden, ob der Mensch nur ver-möge der Sprache zu denken imstande sei, wie meistens be-hauptet wird, will ich mir nicht herausnehmen. Aber dasist sicher: wie wir einmal sind, sind wir gewohnt in Wortenund nicht bloß in Bildern oder Affekten zu denken undauch zu träumen, was ja die häufigste Art des Denkensist. Und da wir nun bei lebendigem Gehirn gezwungensind, immer zu denken, oder schlafend oder wachend zuträumen, so ist eigentlich stets der Antrieb zum Monologvorhanden. Einzig die Gewöhnung an die Anwesenheitanderer erzieht den Menschen dazu, daß er nicht beständiglaut mit dem Munde, sondern nur in den vier Wänden