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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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seines Schädels spricht. In der Zerstreutheit, in der Be-trunkenheit oder im Paroxysmus denkt der Mensch mit derStimme sprechend, weil der Zwang der Gewohnheit auf-hört. So liest der des Lesens Ungewohnte mit den Lippen,weil er mit den Augen ohne die Ohren das lautlose Wortnicht in die Gedanken aufnehmen kann. Die Anrede istviel öfter als wir meinen ein Monolog, nicht ein StückDialog. Aber um unserer Redelust den Lauf zu lassen,braucht unsere Einbildung die Gegenwart eines Hörers.Ein schlagender Beweis dafür ist auch, wie die Menschenmit den Tieren reden. Es giebt ja Haustiere, wie beson-ders Pferde und Hunde und sogar Vögel, welche einzelneWorte verstehen lernen, aber auch der unwissendste oderdümmste Kutscher oder Knecht muß eigentlich wissen, daßsein Tier ganze Sätze nicht verstehen kann. Nichtsdesto-weniger kann man jeder Zeit sogar gebildete Menschen undbesonders Frauen sich in langen zierlichen Perioden mitihren Schoßhunden oder Kanarienvögeln besprechen hören.

Der Monolog ist die Elementarbewegung der Rede,in ihm begegnen sich die niedrigste und die höchste Stufedes Denkens. Darum läßt der Dramatiker seinen Heldenin den feierlichsten Augenblicken seine verborgensten undsubtilsten Betrachtungen für sich allein sprechen freilichmit dem stillen Nebengedanken, daß ihm gegenüber einPublikum sitzt, welches ihm zuhört ein Nebengedanke,welcher der Grundgedanke des Dramatikers ist, und daherden sogenannten Realismus des buchstäblich Wahren vonvornherein aus Thaliens Tempel hinausweist, wie eigentlichaus aller Kunst. Solche schönsten Momente des dramati-schen Helden genießt nun der unheroische Mensch in allerStille, wenn er sich hinsetzt, von s-mors einen Brief zuschreiben, einen reinen Luxusbrief, nur um der Freudewillen laut zu denken und zu empfinden, im stillen Be-