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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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wußtsem, daß ihm sein Publikum lauscht. Und welch einPublikum! Das beste, ein besseres als je Hamlet oderFaust eines gehabt haben, nämlich ein ganz bestimmter ein-zelner Mensch, dankbarbereit und tief verständnisvoll, demWort des Schreibenden zu lauschen. Wenn etwas imstandeist, den Geist produktiv zu machen, so ist es die Richtungauf ein so geartetes Publikum, von so ganz bestimniter,deutlich vorstellbarer, williger Natur. Wie gewinnen da-durch die eigenen Hirngebilde an treffender Gewißheit undAktualität! Entrinnen kann es auch nicht, dies vortreff-liche Auditorium. Ich halte es fest, unwiderstehbar festmit der Feder auf dem Papier vor meinem inneren Auge;und da ich mich behaglich gehen lasse, so unterliege ich inder Stille auch dem Zauber der Einbildung, daß der imGeist gesehene Hörer beifällig und dankbar zulächelt.

Fern von mir, Philinens Lied von der Herrlichkeitfriedenssicherer Schäferstunden auf ein anderes, minderhimmlisches Gebiet irdischer Freuden herüberzuziehen. Aberdennoch etwas von jener Lampe süßer Dämmerung, etwasvon jenen Ruh' und Sicherheit versprechenden zwölf bedäch-tigen Schlägen ist hineingewebt auch in die stillen Stunden,in denen mit sanften Worten der Geist eines lieben Men-schen heraufbeschworen wird, um unser trauliches Bekenntniszu vernehmen. Auch hier ruht, wem? schon nicht der loseKnabe, der sonst rasch und feurig eilt, doch der Geniusedler Menschlichkeit vom streng gebundenen Ernst und Gangdes Lebens bei kleinen Spielen aus. Denn ein Spiel, einzwangloses Thun um des freien Genießens willen muß derBrief sein, soll er seiner wahren Natur entsprechen. Ermuß gehen und verweilen, abwechselnd beim Großen undbeim Kleinen, wie ihn der Zufall am Wege vorüberführt.Das ist das Geheimnis, man dürfte wohl sagen, die Kunstdes Briefschreibens. Sie gehört in die Gattung des Humors,