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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
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welcher bekanntlich den Ernst und sogar die Traurigkeitnicht ausschließt, aber allerwegen das beflügelte Hinschwebenüber und das Abschweifen von dem regelrechten Pfade vor-aussetzt. Vom Hundertsten ins Tausendste der Außenweltmag ein wohlgemuter Brief sich hinschlängeln, um an dernächsten Ecke sich in das eigene Ich des Schreibenden zuversenken. Manchmal endet ein Brief, der viel von diesemIch erzählt hat, mit den Worten:Entschuldigen Sie, daßich soviel von mir gesprochen habe", worauf die Antwortgebührt:aber warum denn nicht, darum schreiben Sie mirja!" Alles ist besser, als jene stehenden drei Formeln, mitdenen gedankenfaule Menschen ihre vier Seiten ausfüllen:zuerst die Entschuldigung, daß man so lange nicht ge-schrieben, mit Angabe von Gründen, die ganz überflüssig,weil immer die nämlichen und falschen sind. Dann einHoffen, daß es dem Adressaten gut geht, dann ein Wünschen,daß es so weiter gehe, mit einer schönen aus der höchsteuMöchte-"Tonart gehenden Schlußwendung ach, ich sehesie schon wieder um die Jahreswende nahen, die so beredtesZeugnis geben, daß sie nichts zu sagen wissen!

Wer hätte nicht schon einmal in stimmungsvollenTagen den Gedanken ausgesprochen, wie schön es wäre,wenn man vereint mit einer kleinen Zahl auserlesenersicherer Freunde (oder Freundinnen), so die Tücke desSchicksals über die Länder zerstreut hat, in einem um-friedeten Orte sein Leben verbringen könnte! Ein Wunsch,der immer unerfüllt bleibt und vielleicht zu unserem Glück.Was aber in dieser vollkommenen und darum unmöglichenWeise das Leben versagt, das gewährt es in bescheidenerGestalt dem Briefschreiber. Er stellt sich seine Gemeindein freier Wahl, unabhängig von Zeit und Ort zusammen,ruft jeden zu der ihm passenden Stunde herbei, entläßtihn, wenn gerade ein Hindernis eingreift, und ruft ihn