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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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wieder, wenn die Stimmung zurückkehrt. Alle Freundeder weitesten Tafelrunde vertragen sich brüderlich mit-einander, denn keiner bekommt den anderen zu sehen.

Der Brief steht zwar zwischen der Konversation undder Schriftstellerei, aber näher dieser als jener. Er ent-hält aus der Konversation das monologische Element, mitder Schriftstellerei verbindet ihn nicht nur äußerlich dasVerfahren, sondern auch innerlich die Absicht, den daseigene Ich bewegenden Gedanken einen formvollendeten Aus-druck mit der Richtung auf ein Publikum zu geben, welchesnur statt eines vielköpfigen unbekannten, ein individuelles,bekanntes ist. Die Menschen versammeln sich gesellig,weniger, um Konversation zu machen, als um beisammenzu sein; statt zu reden, machen oder hören sie auch Musik,oder spielen Karten, und vor allen Dingen essen undtrinken sie. Die mündliche Unterhaltung ist, wie schon dasWort sagt, am öftesten nur ein Hilfsmittel, um die Zeitdes Zusammenseins angenehm auszufüllen. Der Verkehrder deutschen Kneipe besteht vorwiegend darin, daß eineAnzahl Menschen trinkend und rauchend nebeneinander sitzen,ohne sich besonders mit Reden zu bemühen oder für ein-ander zu interessieren. Die berühmte Gemütlichkeit ist eineVertraulichkeit ohne Inhalt und ohne gegenseitige Teil-nahme, deren höchste Form in der gänzlichen Formlosigkeitbesteht.

Der Brief hingegen verlangt, möglichst viel zu gebenund zu leisten. Er macht an sich selbst den Anspruch dervertraulichen Offenheit, verbunden mit der Anstrengung,welche das schriftliche Auftreten vor einem Auditorium be-gehrt. Aus dieser Mischung von Sichgehenlassen und An-stand, von Intimität und kunstgerechter Arbeit setzt sich eineigentümliches Gebilde zusammen, in welchem Opfer undGenuß sich einander begegnen und die Wage halten. Der