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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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Genuß besteht darin, daß ich mir eine schriftstellerische Auf-gabe setze, der ich von Natur ganz gewachsen bin, weil ichlediglich sagen darf und soll, was mir im Sinn liegt, undweil ich in genauer Kenntnis meines Lesers seiner dank-barsten Aufmerksamkeit gewiß bin. Das Opfer besteht darin,daß ich die Arbeit des Schriftstellers, welche von der Vor-aussetzung eines großen und bleibenden Leserkreises, wenig-stens der Fiktion nach, ausgeht, für einen einzigen Leser,der sie in wenigen Minuten verbraucht, aufwende. ReineFreundschaftskorrespondenzen sind daher eine Mischung vonSelbstverleugnung und Sybaritismns, von unverhältnis-mäßiger Kraftansgabe und intellektueller Gourmandise, so-fern man den Maßstab des Privatthätigen oder des öffent-lich wirkenden Lebens daran legt. Man kann es praktischenMenschen nicht gerade übel nehmen, wenn sie solches Korre-spondieren mit einiger Verachtung behandeln, es dem weib-lichen Geschlecht überlassen wollen. Sieht man aber einmaldas Schriftstellern überhaupt nicht als einen müßigen Be-ruf an, so kommt der Unterschied doch nur auf einenquantitativen hinaus. Es ist meine Sache, ob der, an denich schreibe, ob meine Freude, mich ihm zu offenbaren, mirmehr wert ist, als ein ganzes, unbestimmtes, ungewisses,unbekanntes Publikum. Mancher hält sich zu gut, umBriefe zu schreiben, weil er meint, es sei schade, seine Ge-danken einem Einzigen zu schenken; ein anderer dagegenzweifelt an seinem Beruf, die große Zahl zu beglücken undergiebt sich dem behaglichen Vergnügen, einen Vertrautenzu erfreuen. Nicht selten würden wohl beide besser dieRollen vertauschen. Eine besondere Spielart des Motivsfür die Bevorzugung des Briefschreibens erwähnt Macaulayin seinem Essay über Walpoles Briefe an Sir HoraceMann. Ein Mann von Stande fürchtete damals, seinemCharakter als Gentleman etwas zu vergeben, wenn er ein