— 29 —
Eindruck: das wird herumgezeigt werden, ja wer weiß, obes nicht wird einst gedruckt werden? Ich kenne Briefwechsel,die in der That diesen ihren Zweck erreicht haben, weil ihreUrheber sich in der Litteratur einen Namen gemacht hatten.Aber weil man ihnen anmerkt, daß sie in dieser Neben-absicht entstanden sind, haben sie allen Reiz verloren. Diebesten Briefe sind die, an deren Schluß es heißt: „UmGotteswillcn verbrenne ihn sofort." — Die Grenze zwischendem wahren und dem „schonen" Brief liegt in dem Unter-schied zwischen dem Schreiber, der sich giebt und dem, dersich bespiegelt. Das Sicherste ist schon, mit dem eigenenSelbst möglichst sparsam auch in der Expektoration untervier Augen umzugehen. Aus dem, was wir von den Men-schen und den Dingen sagen, muß sprechen was wir sind,nicht aus der Selbstmalerei, gerade wie in der Dichtung.Mit der Selbstmalerei beginnt die Selbstbespiegelung undmit dieser die fadeste aller Korrespondenzarten, die derSeelenselbstverschönerung.
Man hört manchmal sagen, das Briefschreiben sei nichtmehr Mode, weil die Pflege der Korrespondenz mit derSchönseligkeit, dem Gefühlskultus des vorigen Jahrhundertsverschwunden sei. Ganz will ich das nicht bestreiten.Männer vergießen auch jetzt weniger Thränen als damals,wie man aus vielen wahrheitsgemäßen Schilderungen jenerEpoche entnehmen kann, und ein gewisser lyrischer Sinngehört zur Freude an brieflicher Vertiefung. Die Männersind heutzutage beschäftigter und damit härter und trockenergeworden, als ehemals. Gerade wie diesem Umstand derLuxus der Kleidung hat weichen müssen, die Seide, derSpitzenjabot und die gefälteten Manschetten, so auch etwasvom Luxus der Gefühle. Aber wenn auch die Empfind-samkeit abgenommen hat, das Empfinden und das Denkenbesteht nach wie vor. Man liebt und sogar man verliebt