Druckschrift 
1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

30

sich glücklicherweise noch so viel wie ehemals, wie mangelseiner öffentlichen Liebes-Statistik, welche das Reich bis jetztnicht liefert, die der Selbstmorde ausweist. Und man hatsich noch so viel und mehr zu sagen als je. Denn wenndie Welt eiliger geworden ist, so ist sie auch bewegter undangeregter. Die besten Briefe der älteren Zeit sind geradewie heute die, welche nicht Bekenntnisse, sondern Menschen-und Lebensstudien geben, und auch das nicht didaktisch undpedantisch, sondern spielend und umherschweifend. Wennfür irgend eine Gattung, so für diese, gilt das köstlicheWort: (Msss2, mortsls, n's,xxr^s2 xas. Eine schwereHand kann keinen guten Brief schreiben, und in den bestender Gattung führt die Heiterkeit das Ruder. Es hängtmit der Heiterkeit ihres Naturells zusammen, daß die Fran-zosen die meiste Anlage für die Konversation und auch sllrden Brief haben. In der Brieflitteratur haben sie unsreichlich so viel Schätze gestiftet als alle anderen Nationenzusammen. Selbst ein Mann von so finsterer Philosophiewie Joseph de Maistre schreibt lannige Briefe aus demkalten Petersburger Exil, und ein Verbannter wie St. Evre-mvnd thut desgleichen aus dem nebligen England . Ihreangeborene Heiterkeit, und eng verwandt damit, ihr Sinn fürdie Beobachtung des Seelenlebens sind die Quellen ihresTalents für die mündliche und briefliche Unterhaltung,wie für den Roman und die Sittenkomödie und die Me-moiren.

Die berühmten Briefsammlungen, mit welchen sie dieWeltlitteratur bereichert haben, die besten Vorbilder derGattung, sind gleich weit entfernt vom schönseligen wie vomlehrsamen Ton; die Frauen, die in ihrer Gesellschaft herr-schen, behaupten auch in dieser besonderen Litteratur einenhervorragenden Platz. Die ihnen zunächst kommendenBriefschreiberinnen deutscher Nationalität hatten enge Be-