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Ziehungen zum französischen Leben, so Elisabeth Charlotte und Katharina II. , und die großartigste aller deutschen aufdiesem Gebiete, Caroline Michaelis, war in der encyklopä-distischen Bildungssphäre der Zeit aufgewachsen. Mit demErnst und der Tiefe des Schatzes, welcher in der Brief-litteratur der deutschen Klassiker und ihrer Freunde nieder-gelegt ist, können die Korrespondenzen der berühmten Fran-zosen nicht wetteifern. Aber was dem Brief feinen Reizgiebt und den Stempel eigenartiger Gattung aufdrückt, diemuntere Beweglichkeit und Schalkhaftigkeit, ist in den Korre-spondenzen eines Guy Patin , Galiani, Diderot, Paul LouisCourier, Doudan, um nur wenige zu nennen, in unüber-trefflicher Vollendung niedergelegt. Am meisten Ähnlichkeitmit deren Art haben die Briefe eines vor etlichen Jahrenverstorbenen Deutschen , die als die des „Unbekannten" er-schienen sind. Merkwürdigerweise war aber der sächsischeDiplomat Villers der Sohn eines Franzosen . Was seinenEpisteln einigermaßen schadet, ist, daß der Verfasfer Brief-schreiber von Beruf ist, und das widerspricht der Naturder Sache. Briefschreiben ist für beschäftigte Menschen einLuxus der schönsten Art, aber auch der schönste Luxus ent-artet, wenn er zum Geschäft wird.
Wie vieles wäre noch zu sagen! Vom Briefempfangenist noch gar nicht die Rede gewesen und doch gehört es alswesentliche Ergänzung zum Schreiben. Nur das Einemöchte ich dazu bemerken: Es giebt Menschen, die dasBriefempfangen herrlich finden, aber das Schreiben hart.Das sind nicht die rechten Brüder unserer Gemeinde. Auchhier heißt es vielmehr: Geben ist seliger denn nehmen.