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sich ihn gleichzeitig auch im anderen vorstellt. Vor langenJahren besuchte ich einmal eine berühmte deutsche Schrift-stellerin — natürlich ist sie nicht mehr unter den Leben-den, — die für die materielle Dürftigkeit ihrer Thee-abende berühmt war. Ich fand sie gerade beim Frühstück.Sie lud mich zur Beteiligung ein, indem sie mir ein Eiund eine Semmel anbot. Da nichts anderes da war, warnichts dagegen zn sagen. Aber sie fügte mit schmelzenderEmphase hinzu: „man kann sich in mein Herz hinein essen",und das wirkte komisch. Nicht weil der Gedanke an sichfalsch war, sondern weil die Hyperbel so drollig im Gegen-satz zu ihrer stofflichen Repräsentation stand.
Nichts rückt das Verständnis für das höhere Lebenmittelst der Vorstellung in anderen näher, als der Sinn fürden Nachruhm. Es wäre ein Irrtum zu meinen, daß ermit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele zusammen-hänge. Wer sich als ein rein geistig abgelöstes Wesen inhimmlischen Regionen der Zukunft zu deuten vermöchte,müßte gerade am gleichgiltigsten sein für das, was dieirdische Menschheit da unten später von ihm halten werde.Der Wunsch, Unsterblichkeit unter den nachgeborenen Ge-schlechtern zu erwerben, ist gerade eine der allersterblichstenBegierden. Er entspringt aus der den Lebenden über-mächtig beherrschenden Vorstellung, daß nnd wie das Besteseiner Existenz in den Ideen aufgeht, welche die anderenvon ihm haben. Dies Spiegelbild, das wir aus dem Geistder Nebenmenschen reflexweise von uns selbst zurückempfangen, ist erst das bewußte Leben. Ob die Magd imPutz am Sonntag über die Straße geht im Gefühl, daßsie gesehen wird, ob der Held auf dem Schlachtfeld stirbtim Gefühl, daß der höchste Ruhm ihn überlebt — das allesentspringt aus derselben Grundeigenschaft der Seele. ErnstRenan macht einmal zum Kapitel des Nachruhms die fehr
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