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treffende Bemerkung, der Gedanke, daß die in der nächstenZeit ihn Überlebenden etwas Schlimmes von ihm erfahrenkönnten, bedrücke den Sterbenden ungleich mehr, als wasetwa nach fünfhundert Jahren von ihm an den Tag kom-men könnte, und doch sei er in der ersten Minute nachdem Hinscheiden gerade so tot uud unempfindlich, wie nachfünfhundert Jahren. Nur die Vorstellung ist eben die leb-haftere für die nächste als für die entferntere Nachwelt.Und wie der Mensch das beste seines eigenen Ich erst ausdem gewinnt, was er von den anderen auf sich zurück-strahlen fühlt (wenn auch nur in der Einbildung), so schätzter auch das Eigene am höchsten, nur indem er es sich imBesitz des andere» vorstellt. Wie oft hört man vonMenschen, namentlich von vereinsamten Frauen, die melan-cholische Äußerung, sie wüßten nicht, wozu sie noch aufder Welt seien, es sei kein Mensch da, dem sie nützenkönnten. Logisch genommen ist das der reine Unsinn.Denn der Mensch, dem sie nützen könnten, ist nicht mehrein Mensch als sie selbst. Vom vernünftigen Standpunktgesehen ist der Mensch A. genau derselbe wie der MenschB., und man weiß nicht, warum der A. nicht so viel Grundhaben soll für den A. zu leben, wie für den B. Jenemelancholische Reflexion, so oft ich sie anstellen höre, er-innert mich immer an die Damen, welche in ihrer Mädchen-Zeit zahllose Stunden mit Klavierüben verbracht haben,um es später iu der Ehe liegen zu lassen. Sagt mandenen, es sei doch schade um alle die Mühe und Zeit ge-wesen, so bekommt man die Antwort: aber der große Vor-teil ist doch geblieben, daß ich den Musikunterricht meinerTöchter überwachen kann. Und die Töchter machen eswieder so, st sie in inünituia. Wie im Kleinen und Ge-ringen, so im Großen und Erhabenen. Das Vollgefühl desLebens wird von der Liebe in das geliebte Objekt verlegt,