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Lust bereite. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der Genußgeht im Gehirn dessen vor, der die Überraschung bereitet,in ihm spiegeln sich die Gegensätze langsam und behaglichvoraus, er kredenzt sie sich in seiner Vorstellung vom an-deren auf dessen Gemütskosten, irr a-niiria, vili! Das Über-raschen ist eine gemeine BeWucherung; wie viel höher stehtdie Morgenröte der Vorfreude als der Mittagssonnenstichder plötzlichen Blendung. Frau von Girardin hat daspsychologische Problem sehr fein behandelt in dem berühmtenStück 1s> Ms kg.it xsnr. Lessing hat in der Dramaturgieschlagend nachgewiesen, welchen Mißbrauch der Dichter treibt,wenn er sich aufs Überraschen des Publikums verlegt.
Weil in Art und Unart der Mensch nur im anderenlebt, giebt es nichts Falscheres als Menschenverachtung.Großen Gewaltigen hat man sie von jeher nachgesagt, unddoch, wie stünde ein Trachten nach Weltherrschaft undWeltruhm im Widerspruch zur Verachtung derer, auf derenVorstellung allein es damit abgesehen sein kann? Konse-quent ist nur, die misanthropische Stimmung in den Timonzu verlegen, der sich in die Wildnis zurückzieht, den aberder Dichter dennoch ad absurdem führt. Und der „Jn-differentist", der da spricht:
„Ob nichts dein langes Leben war hienicdenAls für's Gewürm des Grabes eine Mast;Ob du, der Menschheit Fesseln anzuschmieden,Ein toller Held die bange Welt durchrast,
Ist just so wichtig als: ob nur im KreiseEinförmig stets das Aufgußtierchen schwimmt,Ob es vielleicht nach rechts die große Reise,Vielleicht nach links im Tropfen unternimmt. —"
Auch dieser Gleichgiltige ist ein Dichter, der der Mensch-heit nicht sein Absagelied sänge, wenn er nicht voraussetzte,daß ihn die Menschheit hörte.