Druckschrift 
1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

48

Meilen weit hinweg jagen, und die tollste Kokette würdenicht wagen, sich so viel Rot aufzulegen, wie eine würdigeDame am Hofe des fünfzehnten Ludwig. Je mehr dieKultur voranschreitet, desto schonsamer haust sie mit denEindrücken siehe auch das Strafverfahren! und wowir ein Bedürfnis nach Verschärfung wahrnehmen, könnenwir eine Nückwärtsbewegung der Kultur auf dem beson-deren Gebiete ahnen, so z. B. in der modernen Belletristikund Dramatik mit ihrer grausamen Nervenbehandlung desPublikums; demselben vergröberten Triebe entstammt dieSehnsucht mancher Gesetzgeber nach Wiedereinführung derPrügelstrafe.

Mit all dem ist meinen Leserinnen nicht klarer ge-worden, warum die englische Institution der Toaste sowohldem Namen als der Sache nach eine weltbeherrschende ge-worden ist. Gerade so erging es nämlich mir. Ich hattemir darüber den Kopf zerbrochen, mit all den Abschwei-fungen, auf die man gerät, wenn man sich vergeblich be-müht, einer Sache beizukommen. Auch alle Nachschlags-bücher, die ich zu Rate zog, einschließlich des neuestengroßen Werkes aus englischer Feder über die Geschichte desTrinkens*), führten mit unsicheren Andeutungen nicht weiterzurück, als etwa in den Anfang des vorigen Jahrhundertsund auf bekannte Erklärungen über die Entstehung dessonderbaren WortesToast". Da brachte mir eines Tagsdie Post einen Brief und ein Buch. Das letztere führtden Titel Kistor^ l^oastiriA or OriukiuA

Hsg.1t.li8 in LllAls.ri.<1" und der Brief war von einerDame, welche mir etwa Folgendes schrieb: Sie haben vorlängerer Zeit einmal bei Tische in meiner Gegenwart den

*) kistor? ok Drink, zweite Auflage, London 1880, von JamesSamuelson.