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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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Stückwerk. Denn das Reich des Trinkens geht natürlichin alle Anfänge zurück, in die Jahrtausende Egyptens ,Indiens und Chinas und in alle Breiten hinaus, undüberall findet sich zum Durst die Poesie, sei es die der Re-ligion, sei es die der Freundschaft oder der Liebe. Be-kanntlich liefert die Sittengeschichte der Griechen und Römerdas Vorbild beinah zu allen Einzelheiten der noch heute inÜbung befindlichen Bräuche. Mau könnte von den Toastensagen, was einst einer meiner Mitschüler auf dem Gym-nasium in tiefsinnigen Worten an den Eingang eines Auf-satzes über Träume schrieb:Schon die Alten kannten sie,wie folgende Stelle aus Homer beweist." Nicht nur dieTräume kannten sie, sondern sogar das Zutrinken undzwar die verfeinerte Art desselben: erst nach Tisch. Dennerstnachdem die Begierde des Tranks und der Speise ge-stillt war" füllte der edle Odysseus den Becher, um demPeliden zuzutrinken. Wer sich über das Toasten bei denAlten belehren will, findet Aufschluß in den bekanntenWerken von Becker und Guhl, dem Charikles und Gallus,welche auch unser Walliser Pfarrer benützt hat, oder inFriedländers Sittengeschichte Roms und in anderen Schriftendieser Art. Die Griechen und die Römer toasteten. Sietranken sich gegenseitig zu, sie ließen die Mächtigen, sieließen die Frauen leben. Es gab schon festliche Gelegen-heiten in Rom, bei welchen nur auf den Kaiser getrunkenwerden durfte, und das Trinken auf das Wohl der Geliebtenwar so ausgebildet, daß z. B. eiue besondere Art desselbendarin bestand, so viele Becher zu leeren, als Buchstabenzum Namen der Herzensdame gehörten. Die meisten Zere-monien dieser Art hatten die Römer von den Griechen über-nommen, uud einzelne charakteristische nannten sie:aufgriechische Weise trinken", so die unter demKönig "Isiis, auf lateinisch MaZistsi- didsuäi, dem heutigen Toast-