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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Luthers Tischreden bleibt doch die Vermutung bestehen, daß,wie das Wort auch die Sitte in ihrer heutigen Gestalt vondrüben stammt. Die alten Germanen tranken redlich, abervon den Reden, die sie dabei hielten, berichtet uns Tacitus nur, daß sie sich zankten und rauften. Gesungen habenwohl die Deutschen beim Trinken schon im frühen Mittel-alter, aber Reden gehalten auch damals schwerlich.

Auch die Franzosen lernten das Toasten erst von denEngländern. Voltaire führt es als eine Nachahmung ihrerSitten an, und am meisten scheint es in Schwung gewesenzu sein zur Zeit, da die vertriebenen Stuarts in der erstenHälfte des vorigen Jahrhunderts noch eine weitverbreiteteAnhängerschaft in Großbritannien besaßen. Es war damalsunter den Gegnern der neuen Dynastie eingeführt, sich mitgeheimen Andeutungen auf das Wohl des Prätendenten ein-ander zuzutrinken. Um nicht hochverräterischer Ausdrückebezichtigt werden zu können, trank man schlechthinauf denKönig", aber man stellte vorher ein Gefäß mit Wasfer aufdie Tafel, womit angedeutet werden sollte: auf den Königjenseits des Wassers. Manche führen die ganze Sitte erstauf diesen Ausgangspunkt zurück. In einem von einemgewissen Brown im Jahre 1702 an die Jrländer gerichtetenPamphlet wird denselben ausführlich nachgewiesen, daß esgottlos sei, auf die Gesundheit eines Königs zu trinken undgar auf das Andenken eines verstorbenen. Doch aus zahl-reichen Belegen läßt sich nachweisen, daß der Brauch vielälter ist und wahrscheinlich germanischen Ursprungs. Dieersten Spuren führen auf dänische und angelsächsische Sittenzurück, Legenden, Redeweisen und Lieder, in welchen diesprachliche Form auf die ältesten Einwanderungen derDänen und Sachsen hinweist. Der Zutrinkende sprach dieWorte:Was heil" (mit a oder e) und der Dankende ant-wortete:Drink heil". Aus dieser Sprachweise ward die