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zubringen, die sich im Lauf der Zeiten auf diesem frucht-baren Gebiete der Lebensfreuden bei den verschiedenenNationen herausgebildet haben. Auch in der deutschenLitteratur ist natürlich reiche Belehrung darüber zu finden.Eines jedoch bleibt unerläßlich, daß wir uns die eigentlicheKardinalfrage stellen: Worauf beruht der offenbar aus derGrundanlage der menschlichen Natur entsprungene Drang,den Genuß geistiger Getränke mit einer Demonstration zumHeil oder zur Ehre eines Nebenmenschen zu verbinden?Ich sage Nebenmenschen, denn ein Toast z. B. auf diePresse, welchen weder die Alten noch die Stuartschen Ka-valiere kannten, ist doch auch eigentlich immer nur einToast auf die beim Bankett anwesenden Herren Journa-listen, welche so gütig siud, zunächst das Fest und ferner-hin das Jahr über die Festgeber freundlich zu behandeln.Bei unseren großen Zweckessen folgt regelmäßig nach demHoch auf die Damen das auf die Presse, man erinnert sichdann sofort, daß man nicht bloß den ersteren, sondern auchder letzteren den Hof machen muß.
Wahrscheinlich hat der englische Dichter Sheridan dasRichtige getroffen, wenn er in all diesen Liebenswürdig-keiten als den wahren Kern die Uxczuss Lor drin1?ir>Z her-ausfindet, eine schöne Ausrede fürs Trinken. Daher kommtauch, daß alle diese Sitten sich ausschließlich an den Genußder gegorenen Getränke anlehnen, weil eben nur die imÜbermaße, über den Durst, genossen werden. Für dieanderen sucht man nach keiner Ausrede. Obwohl Thee und Kaffee zuträglicher für die Gesundheit sind als Weinund Bier, bestand und besteht doch kein Brauch, Gesund-heiten darin auszubringen. Der einzige, welcher hier er-wähnt werden könnte, wäre der in einem Teil des bayeri-schen Frankenlandes bestehende, demgemäß bei großen Damen-kaffees am Schlüsse die Vornehmste der Gesellschaft sich er-