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von Männern und eine kleinere Anzahl Damen , schon da-mit die Versuchung der Galanterie nicht bei Tisch regewerde, wo sie nicht hingehört. Die Soupers des achtzehntenJahrhunderts waren so zusammengesetzt. Das Essen alsKunstgenuß und zugleich als ein Element des verfeinertengeselligen Verkehrs nimmt überhaupt im französischen Lebeneinen breiteren Platz ein als bei irgend einer Nation. Auchdie nördlicheren lassen es am Schmausen nicht fehlen, z. B.vor allem die Belgier, aber sie betreiben es einseitiger.Die Italiener legen weniger Gewicht aufs Essen und Trinkenals auf den allerdings nicht zu verachtenden Luxus der Be-dienung der Tafel. In Frankreich am meisten gelangenSinnlichkeit und geistige Bewegung bei Tafel zu gleich-mäßiger Geltung. Achte man auf die französische Komödie.In ihren Stücken kommt so häusig eine Szene vor, in derman sich zu Tisch setzt, und wer die Memoirenlitteraturkennt, wird beobachtet haben, wie oft einer erzählt, das undjenes sei passiert, als er gerade bei dem und jenem zu Gastegewesen sei; auch zu Zeiten größter Aufregung und vonKatastrophen hört man nicht auf, sich einander einzuladen.
Diese Art wohltemperierter Geselligkeit verträgt sichaber nicht mit einer, bei der man vom zweiten Gang ansofort aus dem Fluß der Unterhaltung und aus dem Gleich-gewicht des Gemüts gerissen wird, dadurch, daß einer derGäste an ein Glas klopft, sich erhebt und eine mehr oderminder feierliche Anrede beginnt, wie dies leider bei unsfurchtbar überHand genommen hat. Ich weiß nicht, ob esandern ähnlich geht, aber meine erste Bewegung in solchemFall ist immer die, daß ich unter den Tisch kriechen möchte.Und das ist gar nicht unnatürlich. Eine ebenmäßig undebenbürtig zusammengesetzte, behaglich plaudernde Tafelrundewird mit einem Schlag umgewandelt in ein Publikum undeinen Schauspieler; es ist, als wenn alle Sitze auseinander-