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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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gerückt würden und ein Podium aus der Mitte aufstiege,und als wenn die vier Wände fielen, um in ihre behaglicheAtmosphäre die kalte Luft von draußen hereinströmen zulassen. Aber nicht nur das, der ganze moralische Zustandder Gesellschaft wird sofort verschlechtert durch zersetzendepsychologische Elemente, die sich aus der neuen Szenerieentwickeln. Ein Ehrgeiziger und ein Parterre von Kritikernschießen auf, da, wo vor einer Minute noch unbefangenemir aufs Genießen bedachte Menschenkinder beisammensaßen. Auch wer nur aus Gefälligkeit oder aus Nnvermeid-lichkeit eine Tischrede hält, kann sich von dem Wunsch, seineSache gut zu machen, nicht frei halten, und selbst jenerMann, den ich einmal seinen Speech so einleiten hörte:Ich weiß zwar, daß ich stecken bleiben werde", war nichtfrei vou der Anwandlung relativen Ehrgeizes.

Nichts ist aber der Lebensfreudigkeit feindlicher alsEhrgeiz. Daß einer mit einer Rede im Leibe sich amGenuß des Weines ergetze, ist denkbar, ja er wird eine ArtTrockenheit der Zunge empfinden, die von der Erwartungerzeugt wird; aber mit der Würdigung der Speisen, zuwelcher ein vollkommenes Gleichgewicht der Seele erfordertwird, ist die Bereitschaft zum Ergreifen des Wortes un-vereinbar. Mit der Konversation geht es nicht anders.Während der Redner irr sxs scheinbar sich mit seiner Nach-barin unterhält, wiederholt er sich im Stillen die Knall-effekte oder den Anfang oder den Schluß seiner kurz oderlaug vorher präparierten Ansprache. Wenn nur einer redenwollte, das ginge noch an, und darum stelle ich mir z. B.die feierlichen Geburtstagsessen, bei denen nur eine hoheGesundheit ausgebracht wird, unbekannterweise, recht schönvor. Aber bei minder erhabenen Anlässen ersaßt ja derRedeteufel einen nach dem andern, und so bildet sich umdie Wette eine Kette innerer Bewegung, welche auf die Ge-