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Deutsch reden gelernt hatte. Was unsere Ehrfurcht fürihn mehr als für die anderen seines gleichen steigerte,war, daß es hieß, ihm fehle, unter der Hülle des Stiefels,die große Zehe, die ihm in der Schlacht abgeschossenworden. Mit wahrer Andacht hafteten unsere Augen aufdiesem historischen Oberleder. Was wird nun in Frankreich werden? lautete die schwere Frage ans Schicksal, und dieMehrzahl der Korona war überzeugt, demnächst würdewieder der große Invasionskrieg losgehen, würden „dieFranzosen kommen", wie die stereotype Wendung lautete. —Aber was da kam, war genau das Gegenteil. Dem Bürger-kvnig Ludwig Philipp lag nichts wärmer am Herzen, alsseinen Kollegen auf den von Gottes Gnaden angestammtenThronen die Überzeugung beizubringen, daß er an alleseher denke als an die Erneuerung eines Heldendramas. Soward die Periode vom Juli 1830 bis zum Februar 1848,welche nicht bloß in der guten Stadt Mainz (der KaiserNapoleon hatte sie nämlich zur Würde einer der „doniissvillsL äs Kranes" zu erheben geruht), sondern in ganzDeutschland und weit darüber hinaus bei ihrem Anbruchals eine Ära des Krieges diagnostiziert worden war, zu demfriedlichsten Abschnitte, den die Annalen der Weltgeschichtezu verzeichnen haben — eine Zeit der Verzweiflung fürdie Lieutnants und die Hauptleute, die im stilleu Familien-leben des Garnisondienstes ergrauten. Ich höre noch, wiedie Rede ging: Offiziere seien beschäftigte Müßiggänger.
Zwar hatte die friedselige Stimmung durch die syrisch-ägyptischen Wirren eine momentane Unterbrechung erlitten,als das Ministerium Thiers mit seinen heroischen Geberdendie kriegerische Muse des Niklas Beckerscheu Rheinliedesherausforderte. Aber gerade dieser Zwischenfall hatte umso deutlicher gezeigt, wie wenig Ernst es dem vernünftigen,nüchternen Orleans mit der Lust nach militärischen Wen-