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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
Seite
73
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Die Warnung sollte bei uns Dienste thun, um dem gutenBürger vor seinen eigenen politischen Gelüsten bang zumachen. Die Lust, den angestammten Fürsten etliche Macht-vollkommenheiten abzuknöpfen, sollte abgelenkt werden aufdie Notwendigkeit, sich gegen den von außen drohendenErbfeind zu verteidigen. Aber der Erbfeind kam nicht,und die Hoffnung, welche das deutsche Volk auf die be-rühmten und berüchtigten Bewilligungen jener Märztagegesetzt hatte, sollte nicht an solchen Erbfeinden deutscher Einheit und Freiheit, die jenseits des Rheines wohnen, zuSchanden werden. Da jedoch die Schrecken nicht aufhören,so kam nun ein neuer auf, mit dem wir erst in unserenTagen intimere Bekanntschaft gemacht haben, dasroteGespenst".

Heute leben wir unter dem Eindruck, als sei die Ge-fahr sozialer Umwälzung erst neuerer Zeit, sagen wir seitder Pariser Kommune und der Rückwirkung des allgemeinenStimmrechts, der Welt ins Bewußtsein gedrungen. Dasist ein Jrrtnm. Wer sich des Jahres Achtundvierzig er-innert oder dessen Annalen nachschlägt, muß konstatieren,daß schon damals jener Schrecken der Menschheit sofort ge-waltig in die Glieder fuhr; sogar ehe noch die große vonCavaignac niedergeworfene Erhebung des Proletariats imJuni 1848 zum ersten Mal ein großes Blutbad unter Ent-faltung der roten Fahne angerichtet hatte. Ein kleinerVorgang aus meiner persönlichen Erinnerung giebt einekomische Illustration zu der ernsten Bestürzung, welche da-mals die Menschen ergriffen hatte. Es war im Mai 1848.Vor wenigen Wochen war ich aus der Stille der Studier-stube in die Redaktionsstube derMainzer Zeitung" ein-getreten und hatte mich lustig ins Getümmel gestürzt. Dabat mich der ehrbare Verleger der Zeitung, ein wohlgestellterund wohlbegüterter, gemütlicher Herr, um eine Unterhaltung.