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sozialistischen Problems in die moderne Staatsgeschichte ein-trat. Jetzt fragt man nicht mehr: Wer wird leben, werwird sterben? sondern: was wird die breite Bewegung derGeister aus ihrem Innern und ihrer Tiefe heraus im Gangder Jahrzehnte, der Jahrhunderte herausgestalten? ZumHeil oder zum Untergang? Das ist die Frage an dieSterne, mit der wir ins neue Jahrhundert übertreten (wenndoch einmal an diese Kalenderzahlen das Horoskop anknüpfensoll). Das allgemeine Stimm- und Wahlrecht ist keinedeutsche Erfindung. Es ist vor uns dagewesen und wäreohne uns weiter geschritten. Aber das ist unverkennbar:gerade indem das — bis dahin und zum Teil noch heutefeudalistisch und patriarchalisch regierte — Deutschland seineNeugestaltung auf dieser Basis aufbaute, hat es damit einendurchschlagenden Eindruck auf die politische Kulturwelt ge-macht. Ist damit gesagt, daß der Griff nach diesem In-strument ein Fehler gewesen? Von allen, die das jetztandeuten, ist schwerlich einer, der da glaubt, der Schrittkönne wieder zurückgethan werden. Nicht einmal für kurzeZeit, geschweige denn für lange. Er ist auch keine primäreErscheinung, er ist selbst nur Produkt einer anderen uni-verselleren Ursache, die da heißt: Ausbreitung des Lehrens,Lernens und Wissens.
Deutschland wurde tonangebend für die Ausdehnungdes Wahlrechtes, weil es tonangebend geworden war fürden obligatorischen Unterricht und den allgemeinen Heer-dienst. Damit wurde die Intelligenz der Massen in denbewußten Staatsdienst gezogen. Das Stimmrecht konnteihnen nicht vorbehalten bleiben. Von dem Mal an aber,wo die Massen aufgefordert wurden, Mann für Mann amStaatswohl mitzuarbeiten, mußte auch der Gedanke, denStaat zum Werkzeug der allgemeinen materiellen Gleichheitzu machen, zum wahren Thronprätendenten werden. Das