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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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sammengespart haben möchte, nicht auf seine alten Tageleichtsinnig zu verthun. Mit anderen Worten: ich bitte umNachsicht.

Da Sie mir empfohlen haben, ich solle, um meineBefangenheit los zu werden, anfs Geratewohl drauf los-schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, so folge ichdiesem Rat, indem ich gleich an die zwei Worte anknüpfe,die zu Häupten dieses Schreibens stehen.

Ich habe nämlich eine gewisse Antipathie gegen daSEigenschaftswortverehrt" da, wo es bei uns auch imfreundschaftlichen und intimen Briefstil als Form der An-rede allgemein üblich ist. Nun sind zwar Formen, oder,wie man hier vielleicht besser sagen könnte, Formalien inder Hauptsache dazu da, daß man nicht nachzudenken braucht,und sie verlangen daher auch gar nicht, daß man sich beiihnen etwas denke. Damit bin ich grenzenlos einverstanden,so sehr, daß mir alle Wahrheitsfanatiker im menschlichenVerkehr von Grund aus zuwider sind, heißen sie nun Ibsen oder nur Nordau. Ich behaupte, das genieinsame Lebenwäre nicht eine Stunde zu ertragen, wenn jeder jedemjeden Augenblick alles oder nur das sagen müßte, was erdenkt. Als der Mensch, nachdem er vom Baume der Er-kenntnis gegessen, entdeckte, daß er nackt sei, beschloß erwohlweislich, sich Kleider anzuschaffen, nicht um sich vorKälte, sondern um sich und die anderen vor der nacktenWahrheit seiner körperlichen Erscheinung zu schützen. Ebensobrauchen wir auch für unsere Gedanken und Gefühle Kleider.Der Anstand verlangt, daß wir sie nicht nackt zeigen, unddie Gewohnheit, sie nur in Verhüllung zu geben und zuempfangen, erzieht uns dazu, daß wir unsere eignen nichtmehr in ihrer Nacktheit sehen und uns vorstellen, sondernnur in der Form, in der sie zu sehen nns die gute Sittezur zweiten Natur gemacht hat.