— 89 —
Wie überall, kommt es bei der Anwendung einesPrinzips auch hier darauf an, die richtige Grenze zu ziehen.Wie stark soll man, mit Mephisto zu reden, lügen, wennman höflich ist? Hier fängt das Reich des guten Geschmacksan, und ihm ist auferlegt, die Schattierungen anzubringen.Ich habe nichts dagegen, daß man in der kühlen Zone desbrieflichen Verkehrs zur einfachen Ehrsamkeit seine Zufluchtnehme. Je banaler desto besser. Ehre ist im Grunde bei-nah das gesetzlich vorgeschriebene Maß von Anerkennung,das ich meinem Nebenmenschen schulde bei Strafe der Be-leidigung, und da es in keinem Lande der Welt so vieleBeleidigungsklagen aller Dimensionen bis in die vierte desvolrls svsirtualis hinein giebt wie in Deutschland , so istes auch ganz folgerichtig, daß nnvertraulicher Weise einerden andern als „Geehrter Herr" oder „Geehrte Frau"apostrophiert. Um so unnatürlicher ist das, sobald die Be-ziehung eine etwas wärmere Temperatur annimmt. Wennich, wie das täglich geschieht, von einem lieben alten Kame-raden, mit dem ich seit Jahrzehnten mich vertragen oder auchgestritten habe, ein Handschreiben erhalte, an dessen Kopfsteht „Geehrter Freund", so ist mir immer, als würde mirein Eimer Wasser über den Kopf geschüttet: und wenn ichdas Vergnügen habe, an eine junge hübsche Dame zuschreiben und soll oben aufsetzen „Geehrte Frau" oder „Ge-ehrtes Fräulein", so kommt mir das immer vor, als wennich ihr eine Matronenhaube aufstülpte. So fürchterlichsteif uud zugeknöpft! Man rückt auf zehn Schritt ab.Freilich, die Titel, mit denen wir uns das Leben erschweren,legen sich schon vorher absperrend in den Weg. Denn, umabermals mit Mephisto zu reden, der Doktortitel, der dieWeiber vertraulich macht, ist genau das Gegenteil vomGeheimratstitel in weiblicher Gestalt. „Liebe Fran GeheimeRätin", das kann man doch ohne Schauder» einer Dame