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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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unter, sagen wir, sechzig Jahren nicht schreiben, und esgiebt deren, mit diesem Titel versehene, die kaum die Hälftedieses Wegs zurückgelegt haben. Es ist ja das Unglück fürunsere Sitte, und ein bezeichnendes, daß wir nicht, wieFranzosen , Engländer, Italiener, Spanier, von lange herdie Gewohnheit haben, uns einfach mit Herr und Frananzureden, und je nach der Ferne oder Nähe der Beziehungdiesen Titel mit dem Ehren oder dem Lieben bekränzenkönnen. Aber dem ist nun einmal nicht abzuhelfen. DasOhr hat sich daran gewöhnt, inMein Herr" einen belei-digenden Unterton zu hören; wer einen Brief so über-schrieben empfängt, denkt zunächst, daß ihm ein Duell aufden Leib rückt.Meine Frau" ist vollends unmöglich.Lieber Herr" undLiebe Frau" klingt bald ironisch herab-lassend, bald unterwürfig zudringlich. In Ladengeschäftenund sogar auf öffentlichen Märkten habe ich in neuererZeit von Verkäufern öfter die Anrede vernommen:MeinHerr" oderMeine Dame", und es wäre ganz gut, daßdas sich ausbreitete; es könnte sich allmählich so einbürgern,daß das ungewohnte possessive Fürwortmein" nicht mehrnnsanft berührte, weil man sich nichts mehr dabei dächte.Daß wir so weit noch nicht gekommen, erfuhr ich jüngst,als ein vornehmes Fräulein ganz entrüstet nach Hause kamund sich verschwor, in den bewußten Laden nie wieder denkleinen Fuß zu setzen, denn der Kommis habe sie angeredet:Meine Dame" und dieses untergeordneten Menschen Damesei sie doch nicht. Ist unser Ohr nicht an die kurze Formelanderer Nationen gewöhnt, so ist es dagegen ganz vertrautmit der Einflechtung des Familiennamens in die Anrede.Das ist zwar auch nicht schön, aber doch weder unbequemuoch steif, und wenn wir uns nur damit befreunden könnten,die Titulaturen wegzulassen, so könnten wir schon einenSchritt nach der Seite anmutigerer und wärmerer Formen