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thun, indem wir uns gewöhnten zn schreiben: „Lieber Herroder Liebe Frau Soundso", nnd „Lieber Freund oder LiebeFreundin". Ich habe selbst im Kleinen erprobt, daß mandurch hartnäckige Anwendung seiue Korrespondenten zndieser Formel erziehen kann. Das große Kapitel von denTitulaturen hier anzuschneiden, habe ich nicht den Mnt, sosehr es reizen könnte, die tiefgehende Frage zu untersuchen,welche von den zwei Narrheiten die praktischere sei, diefranzösische des roten Bändchens oder die deutsche des„Rats" in allen seinen Abstufungen. So weit meineBeobachtung geht, kommt der Herr oder die Frau Kommer-zien- oder Negierungsrat mit ihren höheren Potenzen desGeheimen und Wirklichen Geheimen in der Konversationein wenig aus der Mode; ein Gefühl für das unendlichZopfige der Sache scheint sich allmählich Bahn zu brechen.Ob es auch mit den Amtstitulatureu so geht, vermag ichnicht zu beobachten, beispielsweise ob in juristischen Kreisendie Anrede „Frau Erste Staatsauwalt" gebräuchlich ist.Als ich vor einem halben Jahrhundert in Gießen stndierte,gab es da eine „Frau reitende Försterin". Soll man sagen:Frau Geheime Rätin? oder Frau Geheime Rat? Darüberwäre Daniel Sanders zu konsultieren. Seit einiger Zeithaben sich die „Exzellenzen" so kaninchenhaft vermehrt, daßman auch über diese Bezopfung allerwegen in der Kon-versation stolpert. Wie viele Exzellenzen Wert darauf legenmögen, daß man alle zwei Minuten ihnen dieses Epithetonim Zwiegespräch an den Kopf wirft, weiß ich nicht; sicherist, daß es eine Menge Krähwinkler beiderlei Geschlechts giebt,welche eine stille Wollust durch ihre Glieder rinuen fühlen,wenn sie nicht nur jedem Satz diesen Titel als Vokativ ein-fügen, sondern auch in der dritten Person von solch einemerhabenen Wesen redend sagen können: „Exzellenz Sonndsoist mir im Tiergarten begegnet".