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Wenn dieser unschönen Dinge gedacht wird, so sollenauch die schönen nicht unerwähnt bleiben. Da ist z. B.der biedere Händedruck nach Tisch mit ausdrücklicher oderstillschweigender Segnung der genossenen Mahlzeit. Frühernur in Norddentschland gebräuchlich hat er sich, seitdemBerlin Reichshauptstadt geworden, mit großer Schnelligkeitüber ganz Deutschland ausgebreitet, und die Ausländer,welche den Brauch hier kennen lernen, finden sich mit Ver-gnügen darein. Es liegt etwas Natürliches und Gutartigeszu Grunde. Nachdem der Mensch sich in Speise nnd Trankgütlich gethan, fühlt er sich auf der Höhe seines Wohl-wollens. Nicht selten kommt auch noch das beseligendeGefühl dazu, nach ach! manchmal mehr als zweistündigerFestgebanntheit auf demselben Stuhl zwischen den zweiselben Nachbarn endlich erlöst zu sein. Es giebt wenigDinge, über welche die Menschheit so einig ist, als darüber,daß Mahlzeiten mit zahlreichen Gästen und massenhaftemAufmarsch von Speis' und Trank eigentlich vom Übel sind.Jedermann preist die Vorzüge der kleinen Tafelrunde mitgemeinsamer Unterhaltung uud wenigen Gängen, abernirgends trifft mehr das vickso msliors, xrodvczus, ckstsrioi-g,ssquor zu als darin. Die Pruukmahlzeit im großen Stilist so tief in der üppigen Geselligkeit begründet, daß ihreHerrschaft nie aufhören wird, wie sie besteht, seitdem esLuxus und Gesellschaft giebt. Je nach dem Geist der Zeitenherrscht die Mahlzeit oder das Gespräch in der Form dergeselligen Zusammenkunft vor. Das, was man den „Salon"nennt, trägt vorwiegend das Gepräge der Konversation undist, in diesem seinem engeren Sinne genommen, bekanntlicheine Schöpfung der Pariser Aristokratie aus dem Anfangdes siebzehnten Jahrhunderts. Das Hotel Rambouillet mitseinen geistreichen Spielereien bildet den Ausgangspunkt.Unter der Regentschaft bekam mit der Ausgelassenheit der