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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
Entstehung
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Sitten das sinnliche Element das Übergewicht. Die gouxsrsüsZsuLS sind sprichwörtlich geblieben. Die Gesellschaft derletzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ist durch ihreunabsehbare Memoirenlitteratur die bekannteste von allen.Sie ist das getreue Kaleidoskop jener interessanten Epoche,in welcher alle hösischen nnd aristokratischen Fehler undVorzüge, Verfeinerung, Galanterie und Intrigue, sich mitden gewaltigsten vulkanischen Gährungen mischten und überdie ganze Welt ihre Anziehungskraft ausübten. Bereitsim siebzehnten Jahrhundert kam der Gebrauch auf, denSalondie Welt" zu nennen, 1s lluznäs, und die kleinstealler Welten heißt 1s Zi-and monds. Als Madame Rscamier1849 starb, meinte Ste. Beuve, mit ihr sei die letzte Per-sonifikation dieser schönen Überlieferung zu Grabe gegangen.Hier hatte ganz das geistige Element das luxuriöse über-wogen, ohne das der weiblichen Herrschaft auszuschließen.Etwas Ähnliches in verjüngtem Maßstab bot die kleineBerliner Gesellschaft, die sich um Rahel und einige Damendieses Kreises sammelte. Unter dem Direktorium drang diePolitik gleichberechtigt mit der Litteratur in die Salonsein und erstreckte von da ihren Einfluß auf die Staats-geschäfte. Währeud des zweiten Kaiserreichs waren dieSalons einer der fühlbarsten Mittelpunkte für die Oppo-sition. Da mit wenigen Ausnahmen die ganze gute Ge-sellschaft entweder legitimistisch, oder orleanistisch, oderrepublikanisch war, sammelte sich hier alles, was dem bona-partistischen Regiment widerstrebte, und gereichte diesem zuunaufhörlichem Mißbehagen. In diesen Kreisen lernte ichbeinah alle interessanten Persönlichkeiten der Epoche kennenuud damit den Wert dieser Art des Verkehrs schätzen. Diebeliebteste Form war die von Mittagessen von beschränktemUmfang, selten über ein Dutzend, zu welchen am AbendBesucher in großer Zahl stießen. Das letztere war eigentlich