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der Hauptzweck, das vorausgehende Diuer nur ein Mittel,sich einen festen Stamm zu sichern, während der abendlicheZufluß der offenen Thüre ohne feste Verabredung dem Zufallanheimgestellt war. Die Esfensstunde war damals nochsechs Uhr, jetzt ist sie auf acht hinausgerückt. In Berlin beschränkt sich dieser Modus bis jetzt auf wenige schüchterneVersuche. Man scheut sich, seiueu Freunden zuzumuten,daß sie erst nach aufgehobener Tafel kommen, sn czurs-äsuts,als Zahnstocher, wie man es scherzhaft im Französischen,aber ohne bösen Nebengeschmack, ausdrückt. Nach meinerErfahrung hat diese Form sehr viel für sich. Sie schütztvor der Unannehmlichkeit, einen Abend zu eröffnen, an demniemand kommt oder nur eine Zahl von Personen, die nichtgut zusammenpassen. Das Dutzeud wohl zusammengestellterHauptfiguren verbürgt den guten Verlauf des Abeuds, derzum Zweck vielfacher Bewegung und beweglicher Unterhaltungdoch die Hauptsache bleibt. Allerdings legt er den Gast-gebern und namentlich dem aktivsten Teil, der Hausfrau,eine große Anstrengung auf. Sie muß von der erstenStunde bis nach Mitternacht unter den Waffen bleiben.Aber ohne Anstrengung wird nichts gut gemacht, amwenigsten die Gesellschaft, und unter Anstrengung ist hiernicht bloß die Mühe, sondern die geschickt angebrachte Mühezu verstehen. Die verantwortliche Herrin eines Salonsmuß stets auf dem „Hui vivs" bleiben, wie ein Schlachten-lenker, und dabei dürfen die Gäste von der Aktion nichtdie Arbeit, sondern nur den wohlthuenden Effekt merken.Bekanntlich hängt vom Terrain, auf dem man sich gesell-schaftlich begegnet, alles ab. Dieselben Personen werdensich in dem einen Salon vortrefflich amüsieren, die sich indem anderen tötlich langweilen. Der Geist des Hausesist das Entscheidende, und dieser Geist geht von der Herrinaus. Zum Ganzen dieser sozialen Institution gehört eben