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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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verlangte eine Wiederholung des Versuchs. Doch im Ver-lauf dieses neuen Anlaufs erwies sich, daß die Sache wedereinem Bedürfnis entsprach, noch Befriedigung eintrug. Eskam keine rechte Annäherung uud auch keine angeregteUnterhaltung in Fluß. Der Besuch wurde immer lücken-hafter, der Geist erlahmte. Als im Beginn des drittenWinters Scherer mich aufsuchte, um die Einladungen vonneuem zu erlassen, sagte ich ihm, wenn sich außer ihm nochein Zweiter meldete, der nach dem Wiederbeginn begehre,würde ich vorgehen. Aber dieser zweite erschien nicht, undso ging es klanglos zu Ende. Obwohl das nur ein isolierterVorgang, ist er als charakteristisch erwähnenswert. Zwargiebt es in Berlin eine Reihe von festen Tafelrunden, so-genannte Kränzchen, von Gelehrten, Künstlern u. s. w.;aber der Sammelpunkt vereinigt immer nur Vertreter be-stimmter Berufszweige oder Jnteresfen. Das allgemeinMenschliche, das nur auf die freie weltliche Unterhaltunggeht, genügt nicht; die einzelnen interessieren sich nichtgenug für einander, um an ihrer Begegnung lebhafte Freudezu haben und dieselbe durch Mitteilung zu nähren. Hierliegt offenbar eine Verschiedenheit der Naturanlage derbeiden Rassen zu Grunde, und wenn Sie mich darübernoch ein wenig weiter plaudern lassen wollen, thue ich dasnächste Woche in einem zweiten Briefe.

Ihr

L. Bamberger.

(Zweiter Brief.)

Liebe Freundin!Gewiß giebt es unter den Deutschen ebenso viele guteFreundschaften als unter den Franzosen. Aber da, wo dasbeste aufhört, und das Mittelgut des menschlichen Zu-