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sammenhangs beginnt, ist der Deutsche kälter, das heißtunpersönlicher als der Franzose. Die Dinge interessierenihn mehr als die Menschen. Sachliche Zusammenhängeziehen ihn mehr an als persönliche. Selbst das Institutder Kneipe, von seiner burschikosen Urform an bis in seineverschiedensten Auszweigungen ins spätere Leben, scheinbarein so geselliges und für seine „Gemütlichkeit" besungenes,bestätigt nur die Thatsache , daß das Persönliche in denHintergrund tritt. In diesen langen Reihen nebeneinandersitzender, mit Trinken und Rauchen beschäftigter Gäste fließtselten die Unterhaltung und wird selten das individuelleJuteresse vom einen zum anderen erweckt. In der Kneipebraucht man nur die Zahl, nur den Anblick des Versammelt-seins zu haben, und die Gemütlichkeit ruht wesentlich aufder Formlosigkeit, mit der man sich gehen lassen kann. DieKneipe ist aus Zählern ohne Nenner zusammengesetzt, unddieser Mangel an persönlicher Vertraulichkeit bei eiuer nachVertraulichkeit aussehenden Ungeniertheit ist mir im Laufeeiner mit der Studentenzeit beginnenden und mit einerlangen parlamentarischen Laufbahn abschließenden Erfahrungimmer deutlicher zur Erkenntnis gekommen. Es ist miranfänglich ein Gegenstand des Erstaunens gewesen, bis ichmich allmählich — wenn auch nur unvollkommen — darangewöhnte, daß so wenig menschlicher Zusammenhang ausz. B. langjähriger politischer Zeltgenossenschaft unter denMitgliedern einer Partei erwuchs. Mit wenig Ausnahmenweiß einer um den andern, kümmert sich einer um denandern, nur wenn er ihn vor Augen hat. Es braucht einernoch gar nicht von der Bühue abzutreten, um vergessen zuwerden. In den Jahren, wo ich eine gewisse Parteiaufsichtführte, kam mir das mehr als sonst zum Bewußtsein. Wenneinen Kollegen irgend ein Ungemach nach Hause rief, seies, daß er krank ward, oder ihm ein Unglück in der Familie
Ludwig Bambergcr's Ges. Schriften. I. »