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widerfuhr, wartete ich ab, ob die Rede auf den Abwesendenkommen, ob jemand sich nach seinem Schicksal erkundigenwerde. Nur in den seltensten Fällen geschah es. Ich hattemir zur Regel gemacht, fiktiver Weise im Auftrage derFraktion an den Abwesenden zu schreiben, aber die ob solchseltener Teilnahme gerührte Antwort behielt ich still fürmich in der Tasche.
Das Alles beruht vielleicht weniger auf Verschiedenheitdes Innern als auf Verschiedenheit der Epidermis. DieHaut ist der Sitz der Höflichkeit, das Herz der Sitz derGüte. Ganz zu trennen sind sie bekanntlich nicht, sie stehenin Wechselwirkung. An ?o1itssss äu «zosrii- fehlt es demDeutschen. Selbst aus der Verschiedenheit der Zustände,nach den Temperaturen von Zeit und Ort läßt sich ermessen,wie sogar dieselben Subjekte bald mehr bald weniger lebendigund warm in persönlicher Berührung reagieren. So warin den ersten Jahren nach der Gründung des DeutschenReichs, wo das Leben frischer und wärmer pulsierte, auchder soziale Zusammenhang in der politischen Welt ein vielschönerer. Zum Beispiel verewigten sich alle Parteien desReichstages zu gemeinsamen Abendunterhaltungen, überdenen eine Stimmung gegenseitigen Wohlwollens lag. Da-mals trugen Fürst Bismarcks feste Samstagsabende denStempel einer großartigen eleganten Geselligkeit. Angewehtvon der Conrtoisie, die er in der vollendetsten Weise desguten Tons zu entfalten weiß, verbreitete sich über die buntzusammengesetzte Gesellschaft eine Atmosphäre, die ich euro-päisch nennen möchte. Nnr im Vorzimmer erinnerte derfür die Trinkgelder der Dienerschaft aufgestellte Teller annicht europäischen Brauch. Später, als der Geist desReichs abwärts ging, wurden aus den europäischen Abendenbayerische Frühschoppen, die sich im Lauf einer Stunde ab-spielten, auch ohne den Schmuck des Dainenflors, der in