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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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der früheren besseren Zeit den Vereinigungen ihr großwelt-liches Gepräge gab.

Der politische wie der musikalische Salon haben ihreBedeutung für die Geselligkeit. Ihnen gebührt jedoch nichtdie erste Stelle, weil sie nur einen spezifischen Charaktertragen und, wo sie vorherrschen, das allgemein Menschliche,welches das wahre Fundament bilden soll, zurückdrängen.Gerade umgekehrt dazu verhält sich das Litterarische. Esist kein Zufall, daß der französische Salon, welcher Europa das Vorbild geliefert hat, schöngeistigen Liebhabereien seineEntstehung verdankt. Wenn er auch schon nach nicht langerZeit ins Kraut der?rsoisii8ss Riäioulss schoß und bis aufden heutigen Tag von einzelnen Damen immer wieder mitähnlicher blaustrümpfiger Affektiertheit betrieben worden ist,so sind doch die litterarischen Interessen das wahre nndwirksame Flnidum, um eine gute Gesellschaft zu belebenund zu erhalten. Wir stehen in diesem Punkt hinter Frank-reich nnd England zurück aus demselben Grunde, weshalbin Deutschland so viel weniger Bücher gekauft uud Zeit-schriften gehalten werden als in anderen Kulturländern.In Paris gehört zum guten Ton, daß man nicht in einegrößere Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen geht,ohne wenigstens oberflächlich über die litterarischen Neu-heiten Bescheid zu wissen, und umgekehrt erscheint keinbelletristisches Werk, ja kein gelungenes Feuilleton, ohneGegenstand allgemeinen Gesprächs in diesen Zirkeln zuwerden. Desgleichen reißt man sich da um einen Schrift-steller, sobald er mit irgend einer die Aufmerksamkeit er-regenden Produktion hervorgetreten ist. Wahrscheinlich stehtin Wechselwirkung damit, daß im Roman wie im Schau-spiel uusere Schriftsteller so selten den Ton des leibhaftigLebendigen zu treffen wissen. Sie und die Gesellschaft, so-weit wir eine solche haben, berühren einander zu wenig.

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