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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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Eitelkeit ist ein unentbehrliches Element größerer Ge-selligkeit. Hier, mehr als sonst wo, trifft das GoethescheWort zu, daß sie sich mitten hineinstellt, um Großes undKleines zu verbinden. Wo sollte sie am Platze sein, wennnicht hier, im Aufwand der Gastgeber, vor Allem im Putzder Damen? Bei uns können diese ihn ja nicht einmalmehr im Theater zeigen, seitdem nach Bayreuther Vorbilddie alberne Sitte eingeführt ist, während der Vorstellungdas Haus iu ägyptische Finsternis zu versenken, damit dasPublikum gezwungen werde, unablässig, auch während dergleichgültigsten Szeuen, auf die Bühne zu starren, wie dieSchulkinder auf die Tafel, an der der Herr Lehrer doziert.

Übrigens scheint mir, daß in vielen Stücken die Ber-liner Gesellschaft eher im Voranschreiten als im Rückgangbegriffen ist. Man wird kaum mehr auf die unbrauchbarfrühe Stunde von vier oder fünf Uhr zum Mittagessen ein-geladen, nnd das leidige Abendbrot, welches lange späteStunden hin an den Tisch festnagelt, verschwindet sichtbarer-weise. Etwas anderes kommt auch ein wenig in Abnahme,doch noch lange nicht genug: das Vorstellen. Für dieHerrschaft des Unpersönlichen ist nichts so bezeichnend.Gerade unter dem Borwand allgemein gebotener persönlicherAnnäherung sinkt die Prozedur zum wesenlosesten Scheinherab, und nicht zum schönen. Welch ein langweiliges,hölzernes, mechanisches und unbequemes Verfahren! Ichhabe den Verdacht, es stammt aus irgend einer Vorschrifther, die im Kadettenhaus gelehrt wird, und dieser Eindruckerneuert sich mir jedesmal, wenn ich jüngere Leute zu solcherVorstellung einzeln oder in Massen antreten sehe. Daßman mit anständigen Menschen zusammen sein werde, kannman voraus wissen, ehe man ein Haus betritt. Aus derVorstellung erfährt man nichts dazu. Bekanntlich hört mauauch den Namen, der doch gar nichts besagt, wenn er nicht