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1 (1898) Studien und Meditationen aus 35 Jahren
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ich Sie dem Herzog von N. vorstellen?" worauf er dankendablehnte mit den Worten:Lieber nicht, ich bin zu meinemVergnügen hier." Eine der scheußlichsten Lagen, in dieman öfter durch deu Mißbrauch dieser Ceremonie kommt,ist die folgende. Man steht im Gespräch mit jemandem;man hat sich, vager physiognomischer Erinnerung nach, mitFreundlichkeit als Bekannte begrüßt, ohne sich gegenseitigdes Namens zu erinnern, und redet auf gut Glück fernererJdentitätsermittelung weiter. Da tritt plötzlich ein Dritterfeierlich heran mit den Worten:Bitte, wollen Sie michdem Herrn vorstellen". Aber der so Aufgeforderte weißweder den einen noch den anderen beim Namen zu neuneu:Tableau! Das Sichselbstvorstellen ohne Kommentar wirktgrotesk, aber es ist nicht so fatal wie das, was ich dieMitrailleusenvorstellung nenne. Man tritt in eine Gesell-schaft. Zwanzig oder mehr Personen stehen oder sitzen inder Runde. Eine Sekunde, nachdem man guten Tag gesagthat, setzt sich der Vvrstellungsapparat in rasende Bewegungdie ganze Reihe herum, und nun ist man der Voraussetzungüberliefert, das Alles zu kennen. Es giebt Menschen, diees sogar für einen Mangel an gutem Ton halten und übelaufnehmen, wenn man sie nicht aufs schnellste dieserKanonade aussetzt. Eher fühlen sie kein Recht anfs Daseinim neuen Kreise.

Aus derselben Ursache wie den des Sinnes für dasPersönliche entbehrenden Vorstellungsformalismus leite ichden Brauch her, Familienereignisse, mit den intimstenGefühlsäußerungen geschmückt, durch die Zeitung anzu-kündigen. Am ersten läßt sich die einfache Benachrichtigungauf dem Wege des Inserats noch bei einem Todesfall mo-tivieren. Hier ist schnelle Meldung angezeigt, nnd derKreis der sich dafür Interessierenden nicht leicht festzustellen;aber freilich wäre nur die Thatsache und nicht die Art und