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das Maß der dadurch hervorgerufenen Gemütsbewegungzur Kenntnis eines geehrten Publikums in Stadt undLand zu bringen. Und sonderbar, während die innigsteRührung hier sich vor den Augen der gleichgültigen MengeLuft macht, bleibt wieder die Persönlichkeit der Gerührtenim tiefsten Dunkel. „Heute Morgen 9 Uhr gefiel es Gottdem Allmächtigen, unseren innigst geliebten Gatten, Vater,Bruder und Schwager Herrn N. N. nach langen schwerenLeiden aus dem tiefgebeugten Kreise seiner Familie in einbesseres Jenseits abzuberufen. Um stille Teilnahme bittendie Hinterbliebenen." Selbst in Briefform, nicht nur inZeitungsmeldungen, kommt diese Anonymität häufig vor.Wer sind die Hinterbliebenen? Wenn man doch auf Teil-nahme, sei es auch nur auf stille, rechnet, fo mögen die,.Hinterbliebenen" wenigstens sich nennen, damit der, welcherihnen diese Teilnahme beweisen will, sie sich vorstellen uudsie zur Not finden kann. Gar nicht selten geschieht es,daß man auf diese Weise den Tod eines Menschen erfährt,den man vor Zeiten schätzen gelernt hat, ohne seineFamilienverhältnisfe verfolgt zu haben. Man möchte dasden „Hinterbliebenen" sagen, aber im Dunkel dieser Namen-losigkeit ist das oft schwer zu erreichen. Der Appell un-bekannter Berkünder an ein ihnen zum allergrößten Teilunbekanntes Publikum steigert sich nun gar ins Komischebei den wehmütigen Nachrufen, welche einem Verstorbenenin dem Inseratenteil der Zeitung gewidmet werden, nichtum seinen früher bekannt gemachten Tod zu melden, sondernum die Zeitungsleser in die Gefühlswelt einiger ihm nahe-stehenden Überlebenden einzuweihen, beispielsweise seinerAngestellten oder seiner Geschäftsteilhaber oder anderer inähnlichen Beziehungen zu ihm gewesenen Personen. Siegehorchen dem Dränge aus ihrem tiefsten Innern, sich vorden Abonnenten der Zeitung auszuweinen; sie müsfen diesen