— 105 —
werden, im Anfang wenigstens, auf Lebenszeit geschloffen.Aber Verlobungen können rückgängig werden, und das istsogar keine Seltenheit. Dann verlangt die Konsequenz, daßauch diese Vergänglichkeit von Lieb und Treu im Blättchenzu jedermanns Nachachtuug gebracht werde, ansonst jeder-mann bis dahin zum Festhalten an dem alten Glauben be-rechtigt bleibt. Wie lieblich sich das für die Beteiligtenlesen muß: „Mein Verlöbnis mit Fräulein N. N. ist wiederaufgehoben, was hiermit zur Keuutnis gebracht wird". Wiedas die Phautasie der Leser auregt, sie einlädt, nachzu-denken über die gewechselten Eidschwüre, Briefe, Geschenke,Händedrücke und Küsfe! Ach, die Händedrücke und Küsfe.Da wäre ein Kapitel zu schreiben über die berechtigten oderunberechtigten Eigentümlichkeiten von Brautpaaren uudjungen Eheleuten, die sich vor aller Welt Augen an der1°s,d1s 6'kvts, in der Eisenbahn, und wie erst inFreundes- und Bekauutenkreisen, mit recht sichtbaren Zärt-lichkeiten dem uubewußten Triebe ihrer sinnlichen Erregunghingeben. So oft man dies von Deutschen sehen kanu, soniemals sieht man es bei anderen civilisierten Nationen.Man sagt, es käme von der Unschuld her. Schade nur,daß nicht das richtige Gefühl für das, was man denanderen schuldet, die Unschuld davor behütet, zur Unartanszuschreiteu.
Dies, liebe Freundin, sind so einige von vielen Be-merkungen, die sich mir im Laufe der Jahre angesammelthaben. Indem ich sie niederschreibe, fällt mir ein, daß ichvorher Albertis Komplimentierbuch hätte nachsehen sollen,ob sie nicht darin erledigt sind, denn leider kenne ich esnicht. Doch jetzt ist es zu spät, der Brief ist geschrieben,und unsere Freundin „Die Nation" läßt mir keine Zeitzum Aufschub. Der Henker, in Gestalt des Druckerbuben,steht vor der Thür. Darum breche ich ab. Ich hätte noch