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so lange gedauert hat — hoffentlich am längsten — wirdsie ihnen unerträglich. Einmal verfiel ich auf den Ge-danken, über das Radelu zu schreiben. Es hätte den Vor-teil, daß es zum allerneuesten gehört, und daß ich gar nichtsdavon verstehe; aber es ist schon so verbreitet und beliebt,daß ich fürchten müßte, vielfach da anzustoßen, wo es mirschlecht bekäme, meine stillen Gedanken darüber laut werdenzu lassen. Der Mensch lernt doch mit den Jahren be-greifen, daß zwischen dem Verlangen nach Weltverbesseruugund dem nach eigener Ruhe ein gewisses rationelles Ver-hältnis einzuhalten wohlgethan sei. Darum hab' ich mirschon seit einiger Zeit zur Regel gemacht, nichts überHomöopathie, nichts über Wagners Musikdrama und neuer-dings nichts über das Radeln zu sagen, wenn ich nicht einganz sicheres, kleines Auditorium vor mir habe.
Schließlich, ich weiß nicht wie, verfiel ich darauf, überdas mir nahe liegende Thema des Alters oder Altwerdenseiniges in beschaulichen Stunden Bedachtes zu Papier zubringen.
Um damit ans Werk zu gehen, lagen zwei Wege vormir. Es giebt Leute, die, wenn sie über etwas schreibenwollen, grundsätzlich ablehnen, nachzuschlagen, was anderevor ihnen darüber gesagt haben. Sie sind der Ansicht, dieAufnahme fremder Gedanken verstopfe die Quelle der eigeuenInspiration, leite sie wenigstens in fremde Geleise, ausdenen sie schwer zum Ausgangspunkt spontaner Erzeugungzurückkehren könne. Solche Erwägung hat augenscheinlichetwas für sich, aber sie übersieht die Gefahr, daß, wer igno-riert, was vor ihm gesagt worden ist, Unnötiges wiederholtoder Widerlegtes behauptet. Und wenn den einen dasvor ihm Gedachte gefangen nimmt, so giebt es andere, diees anregt und zum eigenen Anlauf in Gang setzt.
So geht es mir.